Nach dreimonatiger Pause war ich am Neujahrstag zum ersten Mal wieder klettern. Dabei war mir ganz schön mulmig zumute, denn mein Freund hat mir eine Vorstiegsdiät verordnet. Hier erzähl ich dir, wie es mir damit geht.
„Ich will in der nächsten Zeit nicht mehr klettern, nur noch bouldern. Wenn du weiter klettern möchtest, musst du selber vorsteigen.“
Mit dieser Aussage hat mich Steve, mein Freund, vor drei Monaten eiskalt erwischt. Wir sind zusammen in Siurana und gehen das erste Mal seit einem Jahr klettern. In der Zwischenzeit waren wir lediglich bouldern, meistens in der Halle.
Klettern ohne Partner?
Wie soll das funktionieren, wenn er nicht mehr klettern möchte: Fällt das Klettern dann für mich zukünftig flach?
Schließlich leben wir zusammen in einem Wohnmobil in Spanien. Da ist das Finden eines anderen Kletterpartners, dem ich vertraue, nicht einfach.
Ich bin frustriert. Und auch etwas sauer.
So war das nicht geplant, was soll ich denn jetzt machen? Bisher war es so, dass Steve die Routen vorgestiegen ist. So konnte ich auch mal Routen klettern, die ich mich im Vorstieg niemals trauen würde. Wobei für mich das Vorsteigen sowieso ein Alptraum ist, da ich extreme Angst vorm Fallen habe.
Das war für mich ein Grund, weshalb ich mit dem Klettern angefangen habe: Ich wollte mich meiner Angst stellen.
Steves Aussage aktuell nicht mehr klettern zu wollen, stürzt mich deshalb in einen Konflikt.
- Soll ich deswegen jetzt auch mehr bouldern?
Das wäre doof, denn das Klettern gefällt mir besser. - Soll ich das Klettern aufgeben, weil mein Freund keine Lust mehr hat?
Nein, das wäre ja völlig bescheuert.
Ich bin aufgewühlt und frustriert zugleich.
Keine gute Ausgangssituation, um für dieses Problem nach einer Lösung zu suchen.
Da passt es, dass ich mir beim Bouldern den Fuß verstauche und für einige Wochen außer Gefecht gesetzt bin. Zeit, um mir Gedanken zu machen, wie es mit dem Klettern weitergehen soll.
Aufhören oder Weitermachen?
Es gibt einige Punkte, die für das Aufhören sprechen:
- Meine Sturzangst ist nach der letzten mehrmonatigen Kletterpause enorm. Selbst im Nachstieg hänge ich zitternd in den Routen.
- Es wird sich auf unserer Tour durch Spanien nicht vermeiden lassen, dass wir mehrere Wochen Kletterpause haben. Will ich jedes Mal von vorne beginnen?
- Es gibt nicht überall leichte Routen, die ich zum Warmwerden bzw. Reinkommen klettern kann.
- Was hätte das mit Klettern zu tun, wenn ich zukünftig nur noch 4er oder 5er Routen klettere, weil mir meine (Vorstiegs-)Angst bei schwereren Routen einen Strich durch die Rechnung macht.
Es gibt aber auch Punkte, die für das Weitermachen sprechen:
- Als ich mit dem Klettern begonnen habe, bin ich nur drei Monate später eine 6a vorgestiegen – trotz meiner Angst. Ich kann also, wenn ich es möchte, deutliche Fortschritte machen!
- Das Klettern tut mir gut. Es fordert mich, körperlich und mental.
- Wenn Steve mich weiterhin sichert, habe ich einen Partner, dem ich hundertprozentig vertraue.
- Ich könnte mir, wenn es mir das wert ist, einen Trainer buchen.
Nicht die beste Lösung, aber es wäre eine Option.
Letztendlich ist es dieser Punkt, der die Entscheidung fürs Weitermachen fällt:
Ich habe die Chance, mich weiterzuentwickeln und mich noch bewusster meinen Ängsten beim Klettern zu stellen.
Die neue Situation bietet mir auch die Möglichkeit, mich von der Erwartungshaltung anderer freizumachen, zum Beispiel von so einer:
„Ein echter Kletterer ist man nur, wenn man mindestens ‘ne 6 klettert“.
Das ist schön, wenn andere solche Regeln aufstellen, aber den Schuh muss ich mir ja nicht anziehen.
Das Klettern soll mir Spaß machen!
Wenn es für mich mit meiner Angst bedeutet, dass ich auch zukünftig im leichten Bereich klettere, dann soll das so sein.
Hauptsache ist, dass es mich fordert und mir Spaß macht. Und wer weiß, vielleicht platzt der Angstknoten ja doch noch?
Einsichten und Ausblicke zum Vorsteigen
Am Neujahrstag stehe ich nun in El Chorro zum ersten Mal seit drei Monaten am Fels.
Ich habe mir vorgenommen, nochmal ganz neu anzufangen, um Vertrauen in meine Fähigkeiten aufzubauen und Sicherheit zu gewinnen. Ich werde Sturztraining machen und mich in meinem Tempo fordern.
Sollte ich irgendwann merken, dass der Spaß auf der Strecke bleibt, dann kann ich mich noch immer umentscheiden.
Bis dahin heißt es nun: Nima ist auf Diät – auf Vorstiegsdiät.
Wie sie mir bekommt, das werden wir sehen.
Wie geht es dir mit dem Vorsteigen? Hast du Tipps, wie dir das Vorsteigen leichter fällt?
