Wenn mich jemand fragen würde, mit welchen drei Worten ich Trekking in Nepal beschreiben würde, würde ich sagen: kontrastreich, sauanstrengend (wenn man sein Gepäck selbst trägt), bereichernd. Ziemlich genau drei Jahre ist es her, in denen wir auf dem Manaslu- und Annapurna-Trekking-Circuit unterwegs waren. Was mich am meisten berührte, was mich viel Überwindung kostete und warum Nepal eine einzigartige Erfahrung ist – das teile ich mit dir in zwei Artikelfolgen.
Kathmandu, Hauptstadt und für Flugtouristen erster Anhaltspunkt, lässt sich mit allen Sinnen wahrnehmen.
Betäubende Abgase gemischt mit Räucherstäbchen. Mystische Musik und permanentes Hupen selbst in den engsten Gassen unter Menschenmengen. Der Streifzug eines vorbeifahrenden Mopeds. Leuchtende Farben der Kleidung und Obstsorten auf den Straßen.
Das ist Kathmandu, ein starkes Kontrastprogramm zum geordneten Deutschland mit Fußgängerzone, sauberen Straßen, Straßennamen.
So faszinierend es auch ist, Carlos, Chris und ich sind froh, als wir nach einigen Tagen unseren spanischen Freund Luis treffen und mit unserem Guide losfahren können in Richtung des ersten Treks: Der Manaslu-Circuit.
Trekking durch eine kontrastreiche Landschaft
Inmitten von Bananenbäumen, Bambussträuchern und Reisfeldern starten wir bei Arughat (640 m). Es ist unglaublich heiß und feucht, die Abkühlung in den Flüssen ist unbeschreiblich wohltuend.
Das Trekking ist anstrengender als gedacht, denke ich mit meinem 14 Kilo (zu) schweren Rucksack auf dem Rücken, und bleibe immer wieder etwas zurück.
Ab 3000 Metern und einem gefühlten Temperatursturz auf 20°C wird es besser. Ich genieße die Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel und fühle mich nun immer fitter. Wir schreiten fix voran und machen mehr Kilometer als geplant, vielleicht wegen der Nudeln gestern Abend? Ich bin überrascht, dass es so gut klappt.
Die Mittagspause mit dem scharfen Curry macht jedoch alles zunichte. Ich bekomme am Abend im nächsten Camp auf 3800 m Durchfall, der erst einmal mein Dauerbegleiter werden und mein Durchhaltevermögen auf eine harte Probe stellen sollte.
Durchhalten ... und weitermachen
Ich glaube, ich habe mich körperlich noch nie so schwach, hilflos und verzweifelt gefühlt.
Der Puls rast, ich bin müde, habe kaum Appetit, kein Mittel aus unserer Reiseapotheke und von anderen Touristen hat geholfen.
“Wie soll ich bloß über den Pass kommen?” frage ich mich in Dharmasala, dem letzten Camp vor dem Pass “Larkya-La”, auf 4400 m.
“Und falls tatsächlich nichts geht, wie soll ich hier wegkommen?”
Diese Zweifel und die körperliche Erschöpfung machen mich richtig fertig. Wie immer in solchen Momenten – die Zeit scheint stehen zu bleiben.
Als es endlich soweit ist am nächsten frühen Morgen lutsche ich nur ein Power-Gel und schreite mit meinem nun kleineren Rucksack langsam voran. Die Sachen haben mir, soweit möglich, die anderen abgenommen.
Es ist noch dunkel, der Mond scheint und bestrahlt die schneebedeckten Bergketten. Es ist wunderschön. Dann wird der Anstieg immer steiler. Ich kämpfe. Ich sehe, wie auch Carlos kämpft, der jetzt sicher fast 20 kg trägt. Chris wartet auf mich und nimmt mir jetzt auch noch meinen Rucksack ab.
Wie lange ist es bloß noch? Egal. Atmen. Weiter gehen. Ein Schritt. Noch einer. Nur an den nächsten Schritt denken.
Larkya-La: Ein magischer Ort
Plötzlich höre ich Chris jubeln.
Er hat den Pass gesichtet. Das gibt mir einen Motivationsschub.
Auch wenn er mir weit voraus ist, das Ziel ist nah. Ich versuche, schneller zu gehen, merke aber, dass ich an der Grenze bin und bleibe kurz stehen. Fast da. Es geht noch einmal steil bergauf, was mich viel Kraft kostet.
Nach einer gefühlten Ewigkeit sehe ich ein paar Gebetsfahnen – der Pass! Ein dicker Kloß sitzt im Hals. Ich fühle mich überwältigt von der Stille und der unbeschreiblichen Stimmung dieses Ortes. Die letzten Schritte. Und schließlich … geschafft. Ich sinke auf ein paar Steine und ruhe aus, während die anderen Fotos schießen.
Nach einer halben Stunde bereiten wir uns auf den langen Abstieg vor. Er ist ermüdend, für mich jedoch bei Weitem nicht so sehr wie der steile Anstieg zum Pass.
Ich habe wieder meinen Rucksack übernommen und mache kleine, vorsichtige Schritte. Chris kommt nach dem bewundernswerten Aufstieg mit zwei Rucksäcken nun an seinen schwachen Punkt und flucht. In einer Pause kochen wir Wasser für eine Brühe. Ich nicke währenddessen ein und habe einen Kurztraum. Auch die anderen sehen etwas erschöpft aus, als ich aufwache. Wir wollen einfach nur noch ankommen im nächsten Camp.
Als wir nach ein paar Stunden endlich in Bimthang ankommen und eine Bleibe finden, frage ich als erstes nach der Toilette, meine Verdauung ist noch sehr instabil.
“Gibt’s nicht”, ist die verlegene Antwort.
Keines der Häuser in Bimthang hat eine Toilette und ein Toilettenhäuschen, wo man die Tür zu machen kann?!
Dann bleibt wohl nur noch das Feld, wo ein paar größere Steinbrocken liegen. Die fehlende Toilette ist nicht die einzige unangenehme Überraschung.
Der Raum, in dem wir schlafen, kostet am nächsten Morgen plötzlich doppelt so viel. Wie kann das sein??
Carlos stellt, mit einem Blick auf unseren (zum ersten Mal) angeheiterten Guide, eine Theorie auf: Wir bezahlen das Essen für unseren Guide mit, und wenn er zuviel isst oder trinkt, wird der Raum einfach teurer. Klingt plausibel, dennoch ist mir das unangenehm.
Am nächsten Tag steigen wir weiter ab bis auf 2300 m und verabschieden uns schließlich von unserem Guide, der weiterzieht, während wir in Tilije bleiben.
“Möchte ich wirklich noch auf den Annapurna-Circuit mit, oder soll ich mit Luis nach Pokhara ?” frage ich mich. Die Erfahrung im letzten Camp vor dem Pass hat mir gereicht. Und diesmal wird es noch höher gehen, bis auf 5416 m. Andererseits fühle ich mich zum Glück wieder stärker und nehme wieder mehr zu mir als nur Brühe und Reis. Es wird sicher klappen, sage ich mir. So brechen wir am nächsten Tag zu dritt auf in Richtung Annapurna-Circuit, der touristisch sehr viel mehr erschlossen ist und uns noch einige amüsante Erfahrungen bringen sollte.
Mein Fazit zum Trekking
Die Landschaft des Manaslu-Circuits ist faszinierend und, zumindest als wir in 2011 unterwegs waren, unberührter als die des Annapurna-Circuits. Der Kontrast von wildem Grün, reißenden Flüssen und der karger werdenden Landschaft mit Sicht auf den mächtigen Manaslu Himal geben ein Bild von sich, das ich so noch nie gesehen hatte.
Wäre ich mehr bei Kräften gewesen, hätte ich den Manaslu-Circuit sicher mehr genossen. Zwei Sachen hatte ich gelernt.
Erstens: Auf scharfes Curry werde ich ab jetzt verzichten.
Und zweitens: Wenn man wirklich am Boden ist und merkt, dass man von Freunden aufgefangen wird wenn’s drauf ankommt, dann hat man wirklich Freunde für’s Leben.
Es ist nicht der Berg, den wir bezwingen – wir bezwingen uns selbst.
Sir Edmund Hillary
