Trekking in Patagonien ist nichts für Komfort-Fans. Das Besondere am Trekking ist, dass du über mehrere Tage wirklich abschalten kannst, atemberaubende Landschaften siehst und dich herausforderst. Welche 3 Dinge ich bei diesem Trip über mich selbst gelernt habe.
Warst du schon mal trekken?
Ich war im Dezember mit Carlos und unseren Freunden Dani, Julie, Sam und Lena auf einem Trekking-Trip. Zum zweiten Mal in Patagonien. Ich hatte schon mehrere Trekkings gemacht. Ich war aber erstaunt, wie lehrreich dieser Trip wieder war.
Was Julie zu diesem Trip meinte, kann ich voll bestätigen:
Das Trekking bleibt das Highlight von der ganzen Patagonien-Reise, weil wir es uns erarbeitet haben. Es war einfach sau-anstrengend und voll schön.
Hier teile ich mit dir keine sachliche Beschreibung, davon gibt's genug. Ich erzähle dir von 3 persönlichen Dingen, die mir bei diesem Trekking klar geworden sind. (Du findest am Ende aber ein paar praktische Infos, falls du auch Lust auf Trekking in Patagonien bekommen hast)
#1: "Du schaffst mehr als du glaubst."
Eine Sache fasziniert mich immer wieder.
Es ist die Lücke zwischen dem, wie mein Kopf mich versucht klein zu halten und dem, was ich tatsächlich schaffen kann.
Deshalb liebe ich auch das Klettern. Es mir zeigt, dass die selbst gesetzte Grenze im Kopf nicht die Wahrheit, sondern nur eine Illusion ist.
Beim Trekking kommt die Ausdauer-Komponente noch stärker als beim Sportklettern dazu. Einfach aufhören und abseilen gibt's da nicht im Nirgendwo.
Meine größten Schwierigkeiten hatte ich am ersten und am fünften Nachmittag.
Das ungewohnte Gewicht auf dem Rücken am ersten Tag. Die Muskulatur schon müde. Meine Füße schwer wie Blei. Meine Fußsohlen taten weh. Und das Camp noch weit weg.
"Wenn das jetzt schon so losgeht - wie wird's erst später werden??"
Dann der lange fünfte Tag, an dem wir das Camp "Glaciar Grey" übersprungen hatten. Nass, durchgefroren, müde, hungrig.
In unserem zivilisierten Alltag haben wir fast immer die Möglichkeit, zurück in die kuschelige Komfortzone zu gehen. Uns etwas zu essen kaufen, nach einem Regen die nasse Kleidung sofort zu wechseln, nach dem Sport zu duschen, jemanden anrufen, wenn was fehlt, den Bus zu nehmen statt das Fahrrad.
Beim Trekking ist das nicht so einfach.
Früher fiel es mir unglaublich schwer, unangenehme Situationen auszuhalten.
Jetzt habe ich wieder gesehen, dass ich vielleicht eine kurze Pause brauche, dann aber in der Lage bin, weiterzumachen. Es geht.
Es geht so viel mehr, als du glaubst, wenn du keine andere Möglichkeit hast. Keinen Plan B.
In solchen Situationen setzen wir unsere tiefsten Ressourcen frei, die im Alltag meistens nur schlummern.
#2: "Der Alltag müllt deine Träume zu."
Mal eine philosophisch-spirituelle Frage.
Würdest du dir in deiner letzten Stunde deines Lebens wünschen, du hättest mehr Fernseh-Serien geschaut? Mehr Geld für dein Auto ausgegeben? Oder mehr Zeit in Besprechungen verbracht?
Wahrscheinlich nicht, oder? Und trotzdem. Im Alltag beschäftigen wir uns soooo oft mit solchen Nebensächlichkeiten!
Die Frage nach dem Sinn des Lebens mag dir vielleicht abgehoben vorkommen. Ich habe früher meine Zeit viel zu oft mit Fernseh-Serien und Chatten verdattelt. Tatsache ist, dass die meisten (inklusive mir) erst dann aufwachen, wenn sie sehen, dass das Leben schnell vorbei sein kann.
Ich halte die Sicht "Lebe heute so, als ob es dein allerletzter Tag wäre" für erstrebenswert, aber wenig praktikabel. Was ich dagegen für absolut machbar halte sind 2 Dinge:
- Mehr Bewusstsein im Alltag: Dankbarkeit, sich selbst mehr zuhören, die kleinen Momente mehr zu genießen.
- Sich öfters Auszeiten zum Reflektieren nehmen: Wo will ich hin? Was sind meine Träume? Wann will ich sie angehen?
Das Trekking ist eine geniale Möglichkeit zum Abstand nehmen und um dein Bewusstsein wieder zu schärfen.
Ich hätte nicht gedacht, dass mir wieder so viel durch den Kopf gehen würde. Mich haben so viele Dinge beschäftigt, denen ich durch all die "To Do's" im Alltag nicht zugehört habe. Irgendwie erschreckend.
Das Problem ist aber nicht nur die Ablenkung im Alltag. Es sind auch die Reizüberflutung an Informationen und die ständige Erreichbarkeit die unser Nervensystem überlasten.
Deswegen tut Yoga so gut, weil das Nervensystem danach wirklich herunterfahren kann. Der Effekt geht nur schnell wieder vorbei, wenn wir wieder aufs Smartphone schauen und zu viel gleichzeitig machen.
Beim Trekken hat mich überrascht, wie stark dieses Entschleunigungs-Gefühl war und wie gut es mir tat.
#3: "Scheiße oder jetzt erst recht. Du hast immer die Wahl."
Trekking allgemein, und noch mehr in Patagonien, ist wirklich kein Wellness-Urlaub.
Früher oder später gibt's Situationen, in denen du wirklich jedes Recht hast, sie furchtbar zu finden.
Bei uns fallen mir diese hier ein:
- beim starken Wind das Zelt aufbauen und merken, dass der Reißverschluss kaputt ist
- mit nur einem Wanderstock weiterwandern, weil der andere im reißenden Fluss davon gestürzt ist
- vom strömenden Regen erwischt werden
- im Regen das Zelt abbauen und das nasse Zelt mitschleppen
- nach einer Stunde Wanderung im Regen vergeblich auf den Sonnenaufgang um 4:30 Uhr morgens warten
- merken, dass du mehr Essen verschlingst als eingeplant
- dieses starke Ziehen im Nacken- und Schulterbereich vom schweren Rucksack
- auf dem heftig stinkenden Plumpsklo am Camp notgedrungen die Luft anhalten
- ...
Was sagst du in so einer Situation zu dir selbst?
Fängst du das Fluchen "Scheiße, scheiße, scheiße!" oder das Meckern "Muss es ausgerechnet jetzt regnen!" an?
Oder sagst du dir "egal, ich zieh's durch" oder sogar ein "jetzt erst recht!"?
Bei mir kamen ein paar Mecker-Tendenzen, als ich am ersten und fünften Camp endlich ankommen wollte.
Ansonsten ging es erstaunlich gut. Auch mit feuchten Klamotten, mit nur einem Wanderstock, und allem anderen. Der Regen war unangenehm, aber er hat mir nichts ausgemacht.
Es hat einfach zum Trip dazugehört. Die "egal, ich zieh's durch"-Einstellung hat mir sehr geholfen, den Trip mehr zu genießen. Es als Herausforderung zu sehen.
Vielleicht hilft es mal, Dampf abzulassen. Aber wenn wir uns beschweren, ohne etwas daran zu ändern, verschwenden wir Energie. Ohne es zu merken.
Es ist interessant, wie viel Energie wir dagegen sparen können, wenn wir uns nicht auf die Mecker-Schleife einlassen.
Mir wurde bei diesem Trip bewusster, dass es immer beide Sichtweisen gibt. Du entscheidest, welche du nimmst und ob du mehr oder weniger Energie hast.
2 Trekking-Lektionen: Was Carlos gelernt hat
Fast jeden Abend kommt bei Carlos und mir die Frage: "Und, was hast du heute gelernt?"
Die Frage habe ich ihm auch in Bezug auf diesen Trip gestellt. Hier seine Antworten, die ich mit dir teilen will:
"Das weiß ich schon" hält dich dort, wo du früher warst. Sei offen für Verbesserungen."
Wenn du etwas eine Weile nicht mehr gemacht hast, verlierst du den Bezug dazu, meint Carlos.
Wir haben schon Trekking-Trips in Chile, Peru, Nepal gemacht. Carlos hatte das "O" im Torres del Paine Park schon vor 10 Jahren gemacht. In unglaublichen 5 Tagen (ich frage mich, wie er das geschafft hat). Unser letzter Trekking-Trip war allerdings ein paar Jahre her. Trotzdem dachten wir, wir wüssten Bescheid.
Unsere Freunde Dani, Julie, Sam und Lena hatten noch nie davor ein Trekking gemacht. Sie hatten ein Travel-Lunch und leichte Outdoor-Nahrung dabei, während Carlos und ich vor allem Nudeln und viel zu schwere Soßen (und dafür zu wenig Haferbrei) eingepackt hatten.
Damals war Travel-Lunch noch nicht so bekannt wie heute.
Wir hatten noch die Trekking-Einstellung von damals zum Essen: "hat damals ja auch funktioniert".
Heute würde ich auch lieber mehr vom teuren und dafür leichten Travel-Lunch mitnehmen. Und realistischer einschätzen, wie viel wir wirklich verdrücken. Die Portionen haben wir gerade fürs Frühstück voll unterschätzt.
"Finde deinen Rhythmus und bleib dabei."
Gerade in abgelegenen Gegenden ist eine Gruppe unglaublich wertvoll. Und du schleppst dein ganzes Zeug nicht allein.
An kritischen Stellen ist es besser, nicht allein zu sein, sagt Carlos (ich denke jetzt gerade an die reißende Flussüberquerung, wo mein Wanderstock davon geflogen ist).
Ansonsten ist es aber wichtig, dass du deinen eigenen Rhythmus findest und dich nicht zu sehr anpasst.
Wenn die anderen schneller laufen, lass dir Zeit. Wenn du müde bist, mach eine kurze Pause. Durch die Ermüdung und fehlende Aufmerksamkeit knickst dein Fuß schneller um. Oder du genießt es nicht mehr. Das ist es nicht wert.
Praktische Infos zu Trekking in Patagonien
Hier abschließend noch ein paar nützliche Infos, falls du jetzt Lust auf mehr hast und das Trekking in Patagonien auf deiner Liste steht.
Reisezeit
Hauptsaison ist Januar bis Februar. Auch der Dezember ist schon höher frequentiert. November oder Ende Februar/Anfang März ist deutlich weniger los. Allerdings kann das Wetter dort etwas instabiler sein.
Unsere Trekking-Routen in Patagonien
Wir haben 3 Trekking-Routen gemacht:
- "O-Circuit" (Torres del Paine Nationalpark, Chile): 8 Tage
- Laguna de los Tres (Nationalpark Los Glaciares, Argentinien): 1 Tag
- Laguna Torre (Nationalpark Los Glaciares, Argentinien): 1 Tag
Du kannst im Torres del Paine auch nur einen Teil vom "O" machen, das kürzere "W". Wir finden es aber zu überlaufen.
Man kann im Park nicht wild zelten, sondern muss an den den festgeschriebenen Camping-Plätzen übernachten. Du kannst dir beim "O" aber trotzdem mehr Zeit lassen und es in entspannten 9 oder 10 Tagen machen.
Torres del Paine: Camping-Plätze reservieren ist Pflicht
Im Torres del Paine Park musst du die Camping-Plätze vorab reservieren.
Wir dachten, das wäre ein Witz und dass die Chilenen da ziemlich entspannt wären. Ist es aber nicht. Uns kamen am Anfang vom "O" 4 deutsche Kletterer entgegen, die für die Camping-Plätze Dickson und Los Perros keine Reservierung hatten. Sie wurden von den Park-Rangern zurückgeschickt, obwohl genügend Platz auf den Camps war.
Unglaublich, fanden wir. Wahrscheinlich versuchen die Chilenen, den im Sommer sehr überlaufenen Nationalpark zu regeln und den Abfall unter Kontrolle zu bringen.
Da momentan leider 2 unterschiedliche Systeme zur Reservierung erforderlich sind, ist das umständlich und nicht transparent.
Hier die Links zur Reservierung:
http://www.parquetorresdelpaine.cl/es/sistema-de-reserva-de-campamentos-1
http://www.verticepatagonia.com/torres-del-paine/news/reserva-para-acampar-reserve-camping
Auch lohnend: Nationalpark Los Glaciares
Das Fitz-Roy-Massiv ist sehr beeindruckend und ich würde es an deiner Stelle auf jeden Fall mitnehmen.
Der Nordteil vom Nationalpark Los Glaciares ist kostenlos (der Südteil, wo der sehenswerte Gletscher Perito Moreno steht, kostete bei uns dagegen umgerechnet 21€ Eintritt).
Die Camping-Plätze von den beiden Trekking-Touren sind gratis und wenig überlaufen. Die meisten Besucher bleiben im (teuren) Ausgangsdorf El Chaltén.
Infos zu den Touren gibt's im Besucherzentrum.
Wir hatten die beiden Touren vorher wir im Rother Wanderführer zu Patagonien* gesehen, den ich sehr praktisch zur Planung der Reise fand. Aus Gewichtsgründen macht es aber Sinn, die Touren wirklich zuhause zu planen und sich die entsprechenden Seiten abzufotografieren.
*Affiliate-Link: kostet dich nicht mehr und du unterstützt mich durch eine kleine Partner-Provision
Unbedingt mitnehmen
Neben dem "normalen" Gepäck will ich noch ein paar Dinge hervorheben, die mir den Trip gerettet haben:
- Wandersocken
- Blasengel und Blasenpflaster
- Pulversaft für Sportler
- kalorienreiche Energieriegel, v.a. Cliff Bar
- Sonnenmilch mindestens Faktor 30, besser Faktor 50 (teuer im Ausland!)
Geld
Mittlerweile verlangen viele Banken hohe Gebühren, auch wenn DKB, comdirect & co. mit kostenlosem Bargeld-Abheben werben.
Nur bei der Scotiabank in Chile konnten wir kostenlos Bargeld abheben. Ansonsten ist das Zahlen mit Kreditkarte deutlich günstiger (1,75% Gebühren statt 2,5-4% Gebühren bei Geld abheben).
Fazit
Das Besondere am Trekking ist, dass du die Geschwindigkeit vom Alltag reduzierst und wirklichen Abstand gewinnst. Mich hat dieser Trip wieder ein Stück stärker gemacht, sowohl von der Ausdauer als auch durchs mentale Abschalten.
Trekking in Patagonien ist kein Spaziergang und nichts für Regenscheue. Wenn du nicht aus Zucker bist und wilde, abgelegene Landschaften liebst, lohnt es sich allemal.
Ich empfehle dir, vorher mal kürzere Trekking-Touren auszuprobieren, damit du weißt, worauf du dich einlässt.
