Wie sieht's mit deinem Mutmuskel aus? Ist er stark oder eher schwach? Der Mutmuskel war unser Thema auf einem Vortrag letzte Woche. Darauf basierend will ich dir einen Anstoß geben, wie du ihn trainieren und dich nicht nur beim Klettern mehr trauen kannst.
Diese Woche haben Carlos und ich spontan einen Vortrag bei 12min.me in Nürnberg gehalten.
Falls du 12min.me noch nicht kennst, ich finde das Konzept sehr spannend, weil die Vortragenden meistens schnell auf den Punkt kommen anstatt lange herumzulabern. An einem Abend gibt es drei Vorträge jeweils mit 12 Minuten. Nach jedem Vortrag hat das Publikum 12 Minuten Zeit, dem Vortragenden Fragen zu stellen. Danach gibt's 12 Minuten Pause und Netzwerk-Möglichkeiten.
Uns war klar, dass wir dort nicht unbedingt Kletterer oder Yoga-Fans erreichen werden.
Was können wir also den Zuhörern mit unserer Begeisterung fürs Klettern und Yoga mitgeben?
Warum wir es machen. Und warum wir Klettern und Yoga als zwei großartige Wege sehen, um körperlich und so auch mental stärker zu werden. Und um sich mehr zu trauen.
Daraus entstand unser Vortrag mit dem Titel: "Starker Körper, starker Kopf. 2 Wege, wie du deinen Mutmuskel trainieren kannst."
Hier möchte ich mit dir meine Gedanken teilen, die mir bei der Vorbereitung und beim Vortrag selbst kamen, weil ich denke, dass auch du als Kletterer einige Punkte für dich mitnehmen kannst.
"Warum brauche ich mehr Mut? Passt doch alles."
Hätte jemand früher zu mir gesagt "du könntest mehr Mut brauchen", hätte ich wahrscheinlich gesagt "Brauch ich nicht. Passt doch alles. Ich bin ganz zufrieden, so wie alles gerade ist. Mutproben will ich auch nicht machen."
Dieses "ganz zufrieden" ist aber genau das Problem.
Für dich vielleicht nicht. Für mich schon. Warum?
Einerseits bedeutet es für mich "es ist nicht gerade Bombe, aber ist okay". Andererseits aber auch "es ist nicht so schlimm, dass ich da wirklich was ändern muss".
Also bleibt es gleich, bis ich mich eines Tages rückblickend frage, warum ich die Veränderung so lange hinausgeschoben habe.
Kennst du die Geschichte von der Krankenschwester Bronnie Ware, die Hospizpatienten vor ihrem Tod interviewt hat?
Die meisten wünschen sich, sie hätten mehr Mut gehabt.
Mich hat diese Geschichte berührt, weil es für mich unglaublich traurig und schlimm wäre mir zu sagen "Ich hätte gerne anders gelebt, hatte mich aber nicht getraut. Jetzt ist es zu spät".
Worum es für mich wirklich geht
Für mich geht's nicht um krasse Mutproben, die du unbedingt mal ausprobiert und abgehakt haben musst. (Es sei denn, es gehört zu den Sachen, auf die du wirklich Bock hast)
Für mich ist Mut eine wichtige Zutat für ganz pragmatische Alltagsdinge:
- So sein, wie du wirklich bist, ohne dich zu verstellen.
- Offen deine Gefühle zeigen. Sagen, dass du gerade Angst hast.
- Vor einer Gruppe sprechen.
Auf den Punkt gebracht: Keine Vermeidungs-Strategien fahren.
Für mich geht's darum, die Sachen machen, die dir Angst machen, von denen du aber weißt, dass sie für dich richtig sind und dich weiterbringen werden.
Es ist bei vielen Sachen bequemer, sich anzupassen und (manchmal faule) Kompromisse zu schließen. Die Frage ist, ob es dich wirklich erfüllt.
Dein Mutmuskel ist wie jeder Muskel: Er wird größer oder kleiner.
Mutig sein kostet Überwindung. Es ist kein Weltuntergang, sich im Moment nicht so viel zu trauen. Aber es lässt sich trainieren, wie jeder andere Muskel.
Deswegen finde ich das Bild vom Mutmuskel so anschaulich.
Gleichzeitig erinnert es mich daran, dass der Muskel kleiner wird, wenn ich ihn nicht trainiere.
Zwei Wege, um deinen Mutmuskel zu trainieren
Hier sind die zwei Wege, die ich am wirkungsvollsten finde:
- Trainiere eine starke Körperhaltung
- Schaff regelmäßig unangenehme Situationen mit einem Erfolgserlebnis.
Kein neues Wunder-Rezept.
Aber wie Brendon Burchard, einer meiner Lieblings-Trainer und -Speaker, immer sagt:
"Common sense is not always commpon practice."
Es geht um's Tun. Ich bin fest davon überzeugt, dass die beiden Wege in Kombination unschlagbar sind, um sich mehr zu trauen.
#1 Starke Körperhaltung: Warum? Wie machst du das?
Im Gegensatz zum Publikum ist es für dich nichts Neues, dass für uns Yoga der Weg zur starken Körperhaltung und einem richtig guten Gefühl ohne Verspannungen ist. 😉
Warum ist eine starke Körperhaltung wichtig, damit du dich mehr traust?
Sich mehr zu trauen erfordert Energie.
Wenn du gestresst bist, wirst du nicht die Willenskraft haben, das zu machen, was dir unheimlich oder suspekt ist.
Deswegen kann es übrigens auch sein, dass es bei dir mit dem Klettern nicht so läuft, wie du es normalerweise kennst.
Darüber hat Nima vor kurzem geschrieben und was sie gemacht hat, um nach der emotional schwierigen Zeit wieder Energie fürs Klettern zu finden.
Eine starke Körperhaltung ändert nicht deine Umstände. Aber sie sendet andere Signale an dein Gehirn als eine schwache Körperhaltung.
Unterm Strich heißt das:
- Sorg dafür, dass es dir gut geht. Wirklich gut. Nicht nur "ganz okay".
- Werde deine Verspannungen in den Schultern, im Nacken, im Rücken los.
- Und unterschätze nicht, was für eine Wirkung eine schwache Körperhaltung auf deinen Kopf, deine Energie und aufs Klettern hat.
Im Video weiter unten machen wir eine einfache Übung mit einer schwachen und einer starken Körperhaltung. Wenn du Lust hast, mach mit und beobachte, wie du dich fühlst.
Da die Übung wirklich sehr kurz ist, empfehle ich dir die starke Haltung länger zu halten, z.B. 90 oder 120 Sekunden.
3 Anstöße zur starken Körperhaltung für dich
- Check deine Körperhaltung im Alltag. Hängen deine Schultern oder dein Kopf oft nach vorne? Stehst du schief? Wie verändert sich dein Gefühl, wenn du das Brustbein nach vorne streckst, die Schultern zurücknimmst, den Kopf hebst? Wie fühlt sich in der veränderten Haltung die Atmung an?
- Welche Yoga-Haltungen geben dir ein starkes Gefühl? Wie kannst du diese Haltungen öfter üben?
- Es ist wie Zähne putzen: Es bringt nur was, wenn du es kontinuierlich machst. Wie klappt’s bei dir im Moment auf der Matte? Was würdest du brauchen, damit es besser läuft?
Dann lass uns jetzt zu Weg #2 gehen, der für dich auch keine Überraschung ist: Klettern und Bouldern. Aber auch da kannst du in deiner Komfortzone klettern. Deshalb:
#2 Schaff (beim Klettern) regelmäßig unangenehme Situationen mit einem Erfolgserlebnis.
Weißt du, was ich beim Klettern und Bouldern so einzigartig finde?
Du siehst eine Route und denkst "das schaffe ich ja nie!". Dann bist du drin und voll dabei. Und du schaffst, woran du nicht geglaubt hattest.
Das passiert natürlich nicht immer. Manchmal gibt's viele Frustmomente. Aber der Punkt "es geht, obwohl ich dachte ich schaff's nicht" überwiegt.
Das Schöne beim Klettern ist, dass du nicht allein bist. Manchmal hilft gerade die Unterstützung von den anderen, dir einen Ruck zu geben und das zu machen, was du für unmöglich gehalten hast.
Beim Klettern gibt's unangenehme Momente, die Kraft, Energie, Mut erfordern. Jeder unangenehme Moment, bei dem du wieder ein bisschen mehr über deine Grenze gehst, macht dich stärker.
Nicht nur dein Kopf, auch dein Körper speichert das ab.
3 Anstöße für dein Mutmuskel-Training beim Klettern
Prüf mal,
- wie du deine Kraft, Beweglichkeit, Atmung und deinen Körper einsetzt. Fühlen sich deine Bewegungen, Körpereinsatz und Atmung harmonisch an? Oder eher klein und gehemmt? Welche Verbesserung würde dir helfen?
- ob du beim Klettern deinen Kletterkollegen voll vertraust, authentisch sein kannst und ob du wirklich an deine Grenze kommen kannst, an der es unangenehm wird.
- ob du deine Erfolge wirklich feierst.
Der Vortrag und die Übung
Falls du unseren Vortrag im Detail hören willst, hier ist die Aufnahme. Es geht ca. ab Minute 27 los.
Bei der Frage, wen wir erreichen wollen, habe ich geantwortet "jemand, der sich pushen will". Im Nachhinein dachte ich mir, dass das doch sehr missverständlich ist.
Den inneren Schweinehund herausfordern, an dir arbeiten und die bestmögliche Version von dir selbst sein, trifft es eher. Den Status Quo hinterfragen ja, das Feedback vom Körper ignorieren auf keinen Fall.
Die Frage, die mich etwas nachdenklich gemacht hatte, war die Frage nach unserem größten Erfolg und die größte Herausforderung. Oder die Frage, wie das so ist, als Ehepaar ein Business führen.
Auch wenn wir den Vortrag sehr spontan aus dem Boden gestampft haben und die Vorbereitung etwas stressig war, hat es viel Spaß gemacht.
Fazit
Ängste zu haben ist glaube ich ganz normal. Vor allem beim Klettern.
Angst ist oft sehr negativ behaftet. Klar kann Angst in einem starken Ausmaß das Klettern vermiesen. Und ich finde es natürlich auch schöner, keine Angst zu haben.
Auf der anderen Seite ist eine Situation mit etwas Bammel eine Chance, sich zu überwinden und den Mutmuskel zu trainieren. Der Mutmuskel wächst oder schrumpft.
Die Kombi aus starker Körperhaltung durch Yoga und unangenehmen (keine Terror-) Situationen beim Klettern finde ich so wirkungsvoll, weil du durchs Yoga deinem Körper Stärke angewöhnst und weil du beim Klettern wirklich in Aktion kommst.
