Frust am Fels: Mein Wiedereinstieg nach einer stressigen Zeit
Nima Ashoff | 3. Mai 2017
7 Kommentare
Keiner hat Bock drauf, aber es passiert: der Frust am Fels nach einer Kletterpause. Vor allem, wenn du eine stressige Zeit hinter dir hast. Hier erzähle ich dir, wie mich das heruntergezogen hat und wie ich den Wiedereinstieg am Fels geschafft habe.
Dass das Klettern nicht nur körperliche, sondern auch mentale Stärke erfordert, das ist klar, stimmt's?
Wie sehr es allerdings tatsächlich an meinen mentalen Kräften zehren kann, das habe ich neulich erfahren, als ich mich in einer emotional stark belastenden Situation befunden habe.
Diese hatte gar nichts mit dem Klettern zu tun, sondern mit einem Straßenhund, dem wir in Griechenland nach einer Vergiftung das Leben gerettet haben. Damit war für mich nicht nur ein großer organisatorischer Aufwand verbunden, sondern auch ein emotionales Auf und Ab.
Als wir zwei Wochen später zum ersten Mal wieder Zeit finden, um klettern zu gehen, hält sich meine Vorfreude in Grenzen. Ich fühle mich noch ausgelaugt und erschöpft. Aber vielleicht kommt die Lust ja zurück, wenn ich am Fels bin, sage ich mir.

Frust am Fels: Der Kopf macht dicht.
Zum Warmmachen entscheiden wir uns für eine 5er Route, die für mich eigentlich kein Problem darstellen sollte.
Das Gegenteil ist der Fall. Ich erlebe einen Frust am Fels, der für mich völlig unerwartet kommt.
Nicht, weil die Route zu schwer ist.
Sondern weil mein Kopf komplett dicht macht.
Schon die ersten zwei Züge bereiten mir so große Probleme, dass ich vor lauter Frust schreien könnte. Keine Bewegung will mir gelingen, ich bin wie versteinert.
Habe ich in den Wochen vorher eigentlich gute Fortschritte erzielt, geht jetzt plötzlich gar nichts mehr. Jeder Zug kommt mir doppelt so schwer vor, die Höhe noch bedrohlicher als sonst.
Anstatt beim Klettern meine leeren Akkus aufzutanken, stehen mir die Tränen in den Augen.
Mein Freund geht anders damit um.
Für meinen Freund Steve hingegen ist das Klettern gerade genau das Richtige, um die Erlebnisse der letzten Zeit zu verarbeiten. Sich am Fels auszupowern, tut ihm gut.
Er schafft es, von den Strapazen abzuschalten und Gas zu geben. Bei mir ist es genau anders herum.
Obwohl ich noch mehrere Routen versuche, wird es jedes Mal schlimmer, bis ich irgendwann das Handtuch werfe. Das Klettern soll mich schließlich nicht an den Rand der Verzweiflung treiben.
Abstand gewinnen und zu Kräften kommen
In den folgenden Wochen fungiere ich daher nur noch als Sicherungspartnerin und lege keinen Finger mehr an den Fels.
Ich möchte warten, bis sich die Lust wieder von ganz alleine einstellt und es nicht erzwingen.
Also verlege ich meine sportlichen Aktivitäten auf andere Gebiete und gehe wieder häufiger joggen. Dabei brauche ich nichts weiter zu machen als laufen. An meinen Kopf tellt das keine weiteren Anforderungen – super!
Außerdem fange ich wieder mit dem Meditieren an, das ich eine Zeitlang habe schleifen lassen. Ganz bewusst auf meinen Körper und meine Gedanken zu achten, ist in dieser Phase besonders wichtig für mich.

Ein Neuanfang beim Klettern
Ganze sechs Wochen hat diese Auszeit gedauert, bis ich vor drei Wochen wieder mit dem Klettern beginne.
Wie wird es laufen?
Werde ich wieder so eine Angst haben?
Wird mir das Klettern wieder Freude machen?
In der Negativspirale ...
Die ersten Routen wählen wir bewusst einfach und trotzdem bin ich total verkrampft. Zu hoch ist meine Erwartungshaltung, dass es jetzt endlich wieder klappen muss.
Irgendwann merke ich, in was für einer Negativspirale sich meine Gedanken gerade befinden.
An jeder Route habe ich etwas auszusetzen:
- der Fels entspricht nicht genau meinen Wunschvorstellungen ...
- das Wetter ist zu warm ...
- oder zu windig.
- ...
Ich rette mich in das Finden von Ausreden, um mich vor dem Klettern zu drücken.
Stopp! Was waren meine Erfolgserlebnisse?
So geht das nicht weiter! Wenn ich diesem Sport weiterhin nachgehen möchte, dann ist es notwendig, dass ich meine aktuelle Einstellung hinterfrage, sage ich mir.
Anstatt alles schlechtzumachen, sollte ich mir lieber die Erfolge ins Gedächtnis rufen.

Ich gehe gedanklich zu meinen Erfolgserlebnissen zurück. Dass ich beim Klettern trotz Angst etwas erreichen kann, wenn ich es will, das haben mir die letzten Jahre gezeigt.
Ist es nicht interessant, wie sich der Fokus verändert, wenn wir an unsere Erfolgserlebnisse denken anstatt an das, was gerade schlecht läuft?
Auch die Erwartungshaltung, dass es gleich wieder super laufen muss, bringt mich nicht weiter. Also setze ich sie herunter und fange damit an, mich für kleine Erfolge zu loben.
In winzigen Schritten geht dadurch es voran, bis ich eine Woche später tatsächlich eine 6b+ nachsteigen kann.
Die Balance zu finden zwischen „jetzt pushe ich mich“ und „für heute ist es genug“ fällt mir dabei nicht leicht.
Letztendlich entscheide ich mich nach einem Erfolg lieber fürs Aufhören, um mit einem guten Gefühl zurück zu unserem Camper zu gehen.
Fazit
Die Ereignisse der letzten Wochen haben mich deutlich daran erinnert, wie unterschiedlich wir alle ticken.
Nicht nur im Alltag, sondern auch beim Klettern geht jeder von uns anders mit Herausforderungen und Problemen um. Und damit, wenn sich der Frust am Fels einstellt. Der eine Kletterer reagiert auf den Frust relativ locker, der andere steckt das nicht so locker weg und flucht oder kommt sogar noch mehr in die Negativspirale. Vor allem nach einer stressigen Zeit.
Was dem einen guttut, muss nicht auch für den anderen das Richtige sein.
Hier meinen Weg zu finden, war aktuell nicht einfach.
Klettern erfordert mentale Stärke und diese wird durch unseren Gesamtzustand beeinflusst. Deshalb ist es umso wichtiger, dass du gut für dich sorgst, und das nicht nur am Fels.
Welche stressige Situation hattest du und wie bist du mit dem Frust am Fels umgegangen?
Kann ich voll nachempfinden, Nima. Ich hatte damals nicht so ein Erlebnis, das mir derart an die Nieren ging … aber über mehrere Wochen Anspannung und Frust. Das habe ich im Urlaub beim Klettern dann stärker gemerkt, als ich dachte. Nach einem üblen Pendelsturz ging gar nichts mehr. Auch körperlich war ich vollkommen k.o. und fühlte mich, als ob ich krank werden würde. Toller Anfang für einen Urlaub dachte ich mir. Aber was soll’s? Auch wenn ich selbst auf die Pause keine wirkliche Lust hatte, es half nichts Anderes. Das Beste ist natürlich, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Aber manchmal finde ich das schwierig zu steuern, wie bei euer Erlebnis mit Feli. Andere Aktivitäten auszuprobieren ist sicher besser als herumzusitzen und alles zu verfluchen. Viel Energie für euch und auf kraftvolle Erlebnisse beim Klettern!
Danke für den Artikel,
so geht es mir seit längerem. Mal geht es super, wenn ich mit meinem Freund alleine klettere geht es fast immer schief.
Er hat kein Verständnis und ich weiss nciht warum es nicht klappt, nicht mal die einfachste Route. Es hiess dann immer, ich muss dabei bleiben, muss immer wieder an den Fels. Meine Meinung war Pause machen, abklenken, anderen Sport machen. Wir waren im Kletterurlaub und es war zum Glück ein Freund dabei, so musste ich nciht mit zu den MSL.
Dank Deines Artikels weiss ich jetzt dass ich mit Pause machen richtig liege und dass es nciht schlimm ist.
Vielen vielen Dank
Das Problem ist, dass der Druck so bestimmt nicht abnimmt. Wenn es deinem Freund leichtfällt, ist es für ihn schwierig nachzuvollziehen, wie es in dir aussieht, ganz einfach weil er es von sich aus nicht kennt. Also alles ohne böse Absicht. Hast du mal überlegt, mit jemandem zu klettern, der deine Erfahrung kennt? Und etwas gemacht hat, das geholfen hat?
Vielleicht hilft dir das, wieder mehr Vertrauen zu fassen, wenn du das Klettern wieder angehen möchtest.
Bei mir sind das Vertrauen und das Gefühl, der andere versteht mich, ein sehr wichtiger Faktor.
Ich glaube, dass eine Pause auf keinen Fall schlimm ist, im Gegenteil. Weil eine Pause Veränderung bedeutet, anstatt mit den gleichen Gewohnheiten (und Ergebnissen) weiterzumachen.
Du erwähnst in deinem Kommentar mehrmals das Wort „muss“. Dein Freund sagt, dass du dran bleiben musst, wieder an den Fels gehen musst.
Da höre ich eine Menge Druck raus und mit dem im Nacken fühlt sich das Klettern bestimmt nicht entspannend an …
Wichtig ist, ob du an den Fels gehen WILLST – du musst gar nichts 🙂
Ich stimme Stefanie absolut zu, dass es manchmal wirklich gut, ist, sich einen anderen Kletterpartner zu suchen. Vielleicht kommt dann auch wieder der Spaß am Klettern mit deinem Freund zurück.
Liebe Grüße
Nima
Beim Lesen dachte ich gerade an deinen Artikel „Weniger müssen, mehr wollen“, Nima. Gute Erinnerung an das Wollen aus eigenem Antrieb. Wir machen uns so oft Stress, weil wir denken, so muss es sein.
Und zum Thema „Klettern und Frust“ fällt mir gerade ein Klettererlebnis bei La Pedriza vor 2 Wochen ein. Schocktherapie pur! Da dachte ich auch wieder an die Gratwanderung, über die du schreibst („ich geh den Schritt weiter, obwohl mein Kopf nicht daran glaubt“ und „es reicht“). Was bei mir viel Druck beim Klettern herausgenommen hat, war offen zuzugeben, dass ich gerade Angst habe. Und dann, mit dem Klettern synchron zu atmen. Bei jedem Zug, den ich weiter nach oben gemacht habe, auszuatmen. So wirkungsvoll habe ich die Atmung noch nie erlebt, weil wir meistens schneller klettern und dann das Atmen vergessen.
Hallo liebe Nima,
ich kenne diesen Frust -einmal so wie Du ihn beschriebtst und dann noch ein bisschen in abgewandelter Form, die bei mir letztendlich 6 Jahre Kletterpause hervorgerufen hat. (Ok, sporadisch war ich schon mal, aber nicht öfter als 2 mal im Jahr).
Zum einen lag-beim ersten Beispiel- der Grund bei mir in totaler Erschöpfung durch Überarbeitung und Schlafmangel. Ich bin nur noch mit zum Klettern gefahren um zu schlafen (Ja, in der Halle oder am Fels, ab und an bin ich noch in besonder reizvolle Routen eingestigen, musste aber auch das bald lassen weil einfach nix mehr ging). Die ganze Lebensfreude und das Lebensgefühl, dass das Klettern für mich bedeutet hatte, war weg.
Als es wieder besser wurde, trennte sich mein damaliger Partner ziemlich unelegant von mir. Wir hatten einen großen gemeinsamen Freundeskreis aus Kletterern. Damit ging nach und nach für mich dieser Freundeskreis verloren und auch die Freude. Alles hat mich nur noch an „damals“ erinnert. Ich weiß noch wie ich tapfer, aber dennoch heulend irgendwelche Routen hoch bin, weil ich das Klettern, was zu dieser Zeit echt ein wichtiger, wichtiger Teil meines Leben war, nicht aufgeben wollte. Es wurde aber nicht besser. Und ich habe es dann gelassen, ab und zu noch mit irgendwelchen Klettermenschen übers Internet gefunden, losgestapft, aber die ersetzten nicht meine alte Kletterfamilie und ich fühlte mich auch nicht vernünftig gesichert und konnte so nicht in den Routen herumtollen wie gewohnt.
Gestern, nach 6 Jahren, habe ich mir einen neuen Bergsport Verein gesucht und mich einer Trainingsgruppe angeschlossen mit wirklich lieben, Kletterbegeisterten Menschen zwischen 20 und 70 Jahren. Es war so schön, endlich wieder an der Wand zu sein. Morgen ist schon das nächste Training : ).
Der nun schon Ex, ex, Freund ist fast vergessen und sollte ich ihn doch mal wieder beim Klettern treffen, bin ich soweit wieder fit, dass ich ihm wieder sein Geraffel, dass er alleine nicht mehr aus dem Fels bekommt holen könnte. Und diesmal bräuchte ich dafür auch nicht geweckt werden, weil ich habe mein Lebn geändert und meine Prioritäten anders verteilt, so dass ich keine Klettereinheit mehr zugunsten vom Schreibtisch ausfallen lassen muss.
Ich freue mich nun auf alles was kommt und sei es auch mal Felsfrust- ich habe den Weg zu mir und zum Klettern nach einer langen Zeit wieder gefunden. Das ist gerade das Wichtigste.
Ich denke auch, das Frauen oft einen anderen Kletterstil haben als Männer und nicht jeder Mann, vor allem wenn wir uns vor dem 7./ 8. Grad bewegen, technisch so versiert ist, dass er passende Tips geben kann. Letztendlich ist geht es darum seinen persönlciehn Weg und sein persönliches Tempo zu finden. Ich bin heute auch lange nicht mehr auf dem Niveau von vor 6 Jahren, krabbel so gerade noch eine 6 im Vorstieg hoch…und lasse mich von nichts und Niemanden mehr davon abhalten, das mit Freude und Zufriedenheit zu tun.
Berg Frei : )
Liebe Jojo,
du schreibst „Und diesmal bräuchte ich dafür auch nicht geweckt werden, weil ich habe mein Leben geändert und meine Prioritäten anders verteilt, so dass ich keine Klettereinheit mehr zugunsten vom Schreibtisch ausfallen lassen muss.“
Das finde ich großartig! Auch, dass du akzeptierst, dass an manchen Tagen Frust statt Lust am Fels herrscht. Das gehört tatsächlich dazu, nicht nur die schönen Seiten.
Ganz toll, dass du drangeblieben und für dich eine so schöne Lösung gefunden hast 🙂
Liebe Grüße
Nima