Christoph, den ich vor einigen Wochen in der Boulderhalle kennengelernt habe, drückte es letzten Montag in der Halle noch stärker aus: “Schau dir das mal an, wie die klettern! Was für eine miese Technik, null Beweglichkeit, aber Kraft wie Scheiße! Die könnten 9er, 10er klettern, wenn sie mal was anders machen würden!” Warum werden der Kletterstil und Technik so stark vernachlässigt? Woran liegt das, dass Kraft so viel mehr präsent ist? Und dann: was können wir daraus lernen? Das sind viele Fragen, zu denen ich in hier mit dir meine Gedanken teilen möchte.
“Klettern? Oh nein, da braucht man so viel Kraft, die ich nicht habe … das ist nichts für mich”, sagte eine Freundin, als wir sie zum Klettern einladen wollten.
Ich glaube, dass jeder, der noch nie geklettert ist, glaubt, dass Kraft die entscheidende Komponente ist.
Diese Sicht verstehe ich, wenn man noch nie oder nur wenig an der Wand war, denn man kennt das Körpergefühl noch gar nicht. Aber nicht nur Neulinge, auch die Mehrheit von Kletterern, die ich bisher gesehen habe, konzentriert sich fast nur darauf, Routen mit Kraft zu schaffen.
Ohne Kraft geht's nicht - aber es ist nicht alles
Nichts gegen Kraft – ohne Kraft geht’s natürlich nicht. Kraft und Ausdauer sind wichtige Komponenten, um auch pumpige Routen und Boulder zu machen, vor allem in längeren Routen.
Aber man kann so oft kraftsparender klettern, wenn man mehr Technik drauf hat, zum Beispiel in Überhängen. In der Halle, in der ich gern bouldern gehe, gibt es einen Überhang von geschätzten acht Metern Länge. Wer hier ohne Technik und nur mit Kraft klettert, bricht unterwegs ab oder kommt am Schluss total fertig an.
Einen interessanten Vergleich hat man auch bei einem schwierigeren Boulderproblem, das mehrere Kletterer machen. Bei einem klappt’s gar nicht, der andere kämpft sich hoch, wieder ein anderer macht es spielend.
Ein Punkt, der stark beeinflusst, ist wie sehr der Körper diese Bewegungen abgespeichert hat. Je mehr man klettert, desto mehr sind diese Bewegungen bekannt und können ohne Nachzudenken an der Wand gemacht werden.
Das geht bei dem einen Kletterer schneller, bei dem anderen Kletterer vielleicht etwas langsamer. Ein gutes Körpergefühl ist dabei entscheidend, denn es hilft, diese Bewegungen besser abzuspeichern und wieder umzusetzen.
"Wo hast du klettern gelernt?"
Als Stefanie und ich vor kurzem überlegt haben, warum meine chilenischen Freunde und ich einen ähnlichen Kletterstil haben, dachten wir zuerst an Yoga, das wir damals in Chile zusammen gemacht haben.
Ich denke, dass aber ein Punkt uns noch mehr beeinflusst hat: Wir haben alle in einem Kletter- und Bouldergebiet klettern gelernt, das viele Traversen hatte und in Klettertechnik ein großartiger Lehrer war. Dort haben wir viel Zeit verbracht und die Art von Bewegungen wahrscheinlich sehr stark abgespeichert, so dass sie auch heute präsent sind. Das ist sicher auch in der Halle möglich. Es kommt aber meiner Meinung nach sehr auf die Routen an, die dort geschraubt sind.
"... und mit wem kletterst du?"
Eine mindestens genauso wichtige Rolle spielt der Kletterpartner. Wenn wir mit einem stocksteifen Kletterer klettern lernen und seine Bewegungen beobachten, speichern wir diese Bewegungen ab. Ein Kletterer mit viel Technik kann uns dagegen viel zeigen, wie man dieses Boulderproblem oder diese Schlüsselstelle auch klettern kann, mit weniger Kraft und mit mehr Spaß.
Dafür kann man einen Aufbaukurs besuchen, wenn man mehr die Technik verfeinern möchte. Braucht man aber nicht unbedingt. Ich finde es viel schöner, mit Kletterern ins Gespräch zu kommen und zu fragen. Oder wenn man das nicht möchte, in der Boulderhalle einfach beobachten, wie der andere das Problem löst.
Nicht jede Technik funktioniert für jeden. Die Größe, aber auch der Körperbau spielen eine wichtige Rolle. Aber so kommt man aus der bekannten Zone heraus und kann etwas Neues ausprobieren und so an der eigenen Technik arbeiten. Das in Kombination mit Yoga ist noch besser: Neben mehr Beweglichkeit für bestimmte Körperpartien hilft Yoga, das Körpergefühl zu stärken und neue Bewegungen zu verinnerlichen. Und es entspannt.
Mein Fazit
Zwei Punkte beeinflussen neben anderen Faktoren den Kletterstil besonders:
Wo wir klettern gelernt haben und mit wem wir klettern.
Denn diese Bewegungen haben wir am Anfang abgespeichert und rufen sie immer wieder ab, und mit unserem Kletterpartner haben wir die Bewegungen immer wieder vor Augen. Auch wenn wir sehr oft klettern, wird sich dieses Bild nur langsam ändern, wenn wir dieses Muster nicht brechen. Es hilft sehr, anderer Kletterer mit guter Technik zu beobachten, einfach zu fragen, oder sich vor dem Klettern auch vorzustellen, diese Route jetzt so zu klettern wie das Vorbild.
Was denkst du darüber? Warum ist das Thema Kraft so viel mehr präsent als Technik? Und welches Verhältnis haben Kraft und Technik bei dir?
