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„Stocksteif, aber Kraft wie noch was“

Carlos Fischer | 8. März 2015
27 Kommentare

Christoph, den ich vor einigen Wochen in der Boulderhalle kennengelernt habe, drückte es letzten Montag in der Halle noch stärker aus: “Schau dir das mal an, wie die klettern! Was für eine miese Technik, null Beweglichkeit, aber Kraft wie Scheiße! Die könnten 9er, 10er klettern, wenn sie mal was anders machen würden!” Warum werden der Kletterstil und Technik so stark vernachlässigt? Woran liegt das, dass Kraft so viel mehr präsent ist? Und dann: was können wir daraus lernen? Das sind viele Fragen, zu denen ich in hier mit dir meine Gedanken teilen möchte.

“Klettern? Oh nein, da braucht man so viel Kraft, die ich nicht habe … das ist nichts für mich”, sagte eine Freundin, als wir sie zum Klettern einladen wollten.

Ich glaube, dass jeder, der noch nie geklettert ist, glaubt, dass Kraft die entscheidende Komponente ist.

Diese Sicht verstehe ich, wenn man noch nie oder nur wenig an der Wand war, denn man kennt das Körpergefühl noch gar nicht. Aber nicht nur Neulinge, auch die Mehrheit von Kletterern, die ich bisher gesehen habe, konzentriert sich fast nur darauf, Routen mit Kraft zu schaffen.

Ohne Kraft geht's nicht - aber es ist nicht alles

Nichts gegen Kraft – ohne Kraft geht’s natürlich nicht. Kraft und Ausdauer sind wichtige Komponenten, um auch pumpige Routen und Boulder zu machen, vor allem in längeren Routen.
Aber man kann so oft kraftsparender klettern, wenn man mehr Technik drauf hat, zum Beispiel in Überhängen. In der Halle, in der ich gern bouldern gehe, gibt es einen Überhang von geschätzten acht Metern Länge. Wer hier ohne Technik und nur mit Kraft klettert, bricht unterwegs ab oder kommt am Schluss total fertig an.

Einen interessanten Vergleich hat man auch bei einem schwierigeren Boulderproblem, das mehrere Kletterer machen. Bei einem klappt’s gar nicht, der andere kämpft sich hoch, wieder ein anderer macht es spielend.

Ein Punkt, der stark beeinflusst, ist wie sehr der Körper diese Bewegungen abgespeichert hat. Je mehr man klettert, desto mehr sind diese Bewegungen bekannt und können ohne Nachzudenken an der Wand gemacht werden.

Das geht bei dem einen Kletterer schneller, bei dem anderen Kletterer vielleicht etwas langsamer. Ein gutes Körpergefühl ist dabei entscheidend, denn es hilft, diese Bewegungen besser abzuspeichern und wieder umzusetzen.

 

030815_Chris_beim_Klettern
Aaah! Was für ein Griff, da ist ja nichts, wo man zudrücken kann! Mit unserem Freund Chris in Fontainebleau.

 

"Wo hast du klettern gelernt?"

Als Stefanie und ich vor kurzem überlegt haben, warum meine chilenischen Freunde und ich einen ähnlichen Kletterstil haben, dachten wir zuerst an Yoga, das wir damals in Chile zusammen gemacht haben.

Ich denke, dass aber ein Punkt uns noch mehr beeinflusst hat: Wir haben alle in einem Kletter- und Bouldergebiet klettern gelernt, das viele Traversen hatte und in Klettertechnik ein großartiger Lehrer war. Dort haben wir viel Zeit verbracht und die Art von Bewegungen wahrscheinlich sehr stark abgespeichert, so dass sie auch heute präsent sind. Das ist sicher auch in der Halle möglich. Es kommt aber meiner Meinung nach sehr auf die Routen an, die dort geschraubt sind.

 

030815_Die_Roca_Oceánica_in_Chile
Die Roca Oceánica in Chile: Hier haben meine Freunde und ich mit dem Klettern angefangen. Es gibt herrliche Henkel, bei denen jedoch schnell die Kraft ausgeht, wenn man ohne Technik hier bouldert.

 

"... und mit wem kletterst du?"

Eine mindestens genauso wichtige Rolle spielt der Kletterpartner. Wenn wir mit einem stocksteifen Kletterer klettern lernen und seine Bewegungen beobachten, speichern wir diese Bewegungen ab. Ein Kletterer mit viel Technik kann uns dagegen viel zeigen, wie man dieses Boulderproblem oder diese Schlüsselstelle auch klettern kann, mit weniger Kraft und mit mehr Spaß.

Dafür kann man einen Aufbaukurs besuchen, wenn man mehr die Technik verfeinern möchte. Braucht man aber nicht unbedingt. Ich finde es viel schöner, mit Kletterern ins Gespräch zu kommen und zu fragen. Oder wenn man das nicht möchte, in der Boulderhalle einfach beobachten, wie der andere das Problem löst.
Nicht jede Technik funktioniert für jeden. Die Größe, aber auch der Körperbau spielen eine wichtige Rolle. Aber so kommt man aus der bekannten Zone heraus und kann etwas Neues ausprobieren und so an der eigenen Technik arbeiten. Das in Kombination mit Yoga ist noch besser: Neben mehr Beweglichkeit für bestimmte Körperpartien hilft Yoga, das Körpergefühl zu stärken und neue Bewegungen zu verinnerlichen. Und es entspannt.

 

030815_Kletterntechnik
Mit wem wir klettern, hat einen wichtigten Einfluss auf unseren Stil. Mit wem gehst du klettern? Welche Techniken kannst du dir abschauen?

 

Mein Fazit

Zwei Punkte beeinflussen neben anderen Faktoren den Kletterstil besonders:
Wo wir klettern gelernt haben und mit wem wir klettern.
Denn diese Bewegungen haben wir am Anfang abgespeichert und rufen sie immer wieder ab, und mit unserem Kletterpartner haben wir die Bewegungen immer wieder vor Augen. Auch wenn wir sehr oft klettern, wird sich dieses Bild nur langsam ändern, wenn wir dieses Muster nicht brechen. Es hilft sehr, anderer Kletterer mit guter Technik zu beobachten, einfach zu fragen, oder sich vor dem Klettern auch vorzustellen, diese Route jetzt so zu klettern wie das Vorbild.

Was denkst du darüber? Warum ist das Thema Kraft so viel mehr präsent als Technik? Und welches Verhältnis haben Kraft und Technik bei dir?

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27 Kommentare zu “„Stocksteif, aber Kraft wie noch was“

  1. Ja, das war echt klasse wie’s der Christoph gesagt hat 😀
    Also bei mir ist Technik sehr wichtig, weil mir schnell die Kraft ausgeht. Zur Technik gehört für mich aber nicht nur Eindrehen, Füße sauber setzen etc. sondern auch Atmen und vor allem gedanklich fokussiert bleiben.

    1. Also ich hab auch 0 kraft. Aber ich hab dann auch voll auf technik gesetzt und ich finde technik wichtiger als kraft. Man braucht beides, aber meiner meinung nach wiegt technik mehr.

    1. Das teile ich. Ich bin ab und zu in den Anden geklettert, dort wäre es mir nie in den Kopf gekommen, bis an mein Limit zu gehen mit der Kraft. Da muss man auch mental sehr konzentriert sein in dieser Höhe. In der fränkischen ist es sehr anders 🙂 Da kann man auch mehr ausprobieren finde ich.

  2. Ich habe auch noch viel Optimierungsbedarf bezüglich meiner Technik, habe in meinem Freund aber einen hervorragenden Lehrmeister.
    Er musste sich von mir schon häufiger anhören: „Na gut, dann muss halt jetzt die Kraft herhalten, wenn ich die Technik noch nicht kann“ 😉

  3. Spannend, dass man sich über die Technik manchmal gar nicht so viele Gedanken macht, doch gerade für mich als Kletteranfänger ist es das Wichtigste: Wie kann ich mit minimalem Krafteinsatz viel herausholen, um nicht nach 30 Min schon „alle“ zu sein. Interessant zu lesen.

    1. Ging mir am Anfang ganz genauso, Sarah! Wenn ich eine längere Pause mache und dann wieder an längere Routen gehe, merke ich es auch; deswegen ist es, auch mit Yoga als Ergänzung, so wichtig dranzubleiben und weiter zu klettern/bouldern, wenn man das Niveau halten möchte. Dadurch dass man mit Yoga bestimmte Bewegungsmuster, z.B. Anspannung nur dort wo notwendig, kontrollierte Bewegungen, immer wieder macht, verinnerlicht man die jedoch stärker und kann sie einfacher beim Klettern abrufen.

  4. Als ich vor knappen sechs Jahren anfing, sagte mir der „Klettertrainer“ achtet sorgsam auf die Technik, auch wenn ihr anfangs weniger Fortschriite machen werdet, als die, die es mit Kraft machen. Es zahlt sich später aus.“ Da hat er vollkommen Recht gehabt. Techniktraining gehört für mich in jedes Training. Allerdings auch das Krafttraining. Nur mit technik gehts irgendwann nicht weiter und nur mit Kraft gehts irgendwann auch nicht weiter.

  5. Ich kann die Diskussion ehrlich gesagt nicht verstehen. Die besten Kletterer belegen, dass sie durch gezieltes Kraftraining besser geworden sind. Natürlich kommen weitere Themen wie Physio, Ernährung, Ausdauertraining und Gewicht dazu. Viel wichtiger als Technik ist Erfahrung um z.B. Strukturen im Fels lesen zu können. Und am Ende ist es doch wieder die Kraft um die Technik überhaupt sauber anwenden zu können. Denn manchmal muss das kleine sloprige Fingerloch im Überhang weggepresst werden um die nächste kleine Liste sauber treten zu können. Der soll mir vorgestellt werden, der solche Probleme nur mit Technik löst.

    1. Stimmt. Es geht nicht um das Eine ODER das Andere, vielleicht kam die Aussage falsch rüber. Gezieltes Krafttraining ist sinnvoll, wir wundern uns allerdings beim Bouldern, warum manches Kraftpaket von Kletterer nicht auch der Technik mehr Aufmerksamkeit geschenkt. 🙂

  6. was mir bei der bisherigen diskussion fehlt ist der faktor wandneigung. grundsätzlich flache/senkrechte routen eher technik, überhängende routen eher kraft. und da sich viele schwere routen (sagen wir mal ab schwierigkeitsgrad 9 ) im überhängenden befinden können auch leute mit schlechter technik diese klettern. ich spreche hier aus erfahrung. ich hab fast alle schwereren routen im überhang geklettert, auf einer sekrechten wand scheitere ich oft an routen die eigentlich weit unter meinem onsight-niveau liegen.
    aber ich finde, dass das den reiz des kletterns ausmacht, dass jeder probleme auf seine art löst und dass die vielfalt der anforderungen es jedem kletterer erlaubt seine individuellen stärken auszuspielen!

  7. Was ist denn daran Fairplay, wenn man Menschen wegen der eigenen Überheblichkeit so abgrenzt. Solange vernünftig gesichert wird, sollen die Leute doch klettern, wie sie wollen. Oder sehe ich das zu eng oder zu weit? Mir missfällt der schäbige Ton, den der Artikel Autor ansetzt. Dann geh ich lieber mit einem stocksteifen Typen klettern, wenn der Nene korrekten Umgangston hat und auch mal über sich selber lachen kann.

    1. Hey, danke für deine Offenheit, bei den Punkten mit klettern wie man will solange sicher für sich und andere und über sich mal lachen gehen wir voll mit. Zum Rest: Das Zitat sollte durchaus etwas provozieren, aber in keinster Weise überheblich rüberkommen. Unser Kletterkumpel meinte damit, dass jemand mit viel Kraft noch weiter kommen könnte, wenn er sich nicht ausschließlich auf die Kraft fokussiert. Nur eine Meinung mit ungewöhnlicher Ausdrucksweise die wir wiedergegeben haben, kein Urteil und kein Anspruch auf Objektivität 🙂

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