Seit über einem Jahr rede ich davon, dass ich endlich einmal Sturztraining machen sollte. Genauso lange schiebe ich es auch schon vor mir her. Jedes Mal, wenn mein Freund und ich mit dem Vorsatz an den Fels gehen, das Fallen zu üben, weichen wir in letzter Sekunde wieder von dem Plan ab. Irgendwas hält uns davon ab, uns endlich mit diesem wichtigen Thema zu konfrontieren.
Während ich Angst vor Fallen habe, ist Steves Problem, seinem Sicherungspartner zu vertrauen. Und so kommt es, dass wir weiterhin innerhalb unserer Komfortzone klettern und frustriert sind, weil wir nicht vorankommen. Im Gegenteil. Wir verlieren sogar immer häufiger die Lust am Klettern.
Als wir im griechischen Klettergebiet Leonidio auf den 52-jährigen Gerd und seinen 24-jährigen Sohn treffen, kommen wir auch auf das Stürzen zu sprechen.
Gerd klettert schon über 20 Jahren und gibt Kurse, sein Sohn hat mit 13 zum ersten Mal eine 8a geklettert und absolviert zurzeit eine Ausbildung zum Klettertrainer beim DAV. Beide sind am Fels voll ihn ihrem Element und auch mit der Durchführung von Sturztrainings bestens vertraut.
Kurzentschlossen frage ich sie, ob sie nicht Lust hätten, Steve und mich dabei zu unterstützen.
Zu meiner Freude sage sie zu und so stehen wir zwei Tage später aufgeregt am Fels.
Jetzt gibt es keinen Platz mehr für Ausreden, heute wird gestürzt!
Alleine der Gedanke daran hat mich nachts unruhig schlafen lassen. Als ich nun vor der ausgewählten Übungsroute stehe, bin ich nervös, aber entschlossen. Gerd und Max hängen die 6er Route für uns ein. Sie bietet sich ideal zum Üben an und da ich sie schon mal geklettert bin, weiß ich, was mich erwartet.
Der erste Sturz: Ich erwarte das Schlimmste
Im ersten Schritt geht es darum, dass wir das Stürzen im Nachstieg üben, um ein Gefühl fürs Fallen zu bekommen. Außerdem wäre bei meiner Angst der Schritt viel zu groß, direkt im Vorstieg damit anzufangen.
Am vierten Bolt habe ich eine gute Höhe, um mich das erste Mal bewusst ins Seil fallenzulassen. Einfach den Hintern nach hinten bewegen, als wolle ich mich setzen, die Hände vom Griff lösen und seitlich wegstrecken – los geht’s!
Ich erwarte das Schlimmste, mein Herz rast wie verrückt, aber dann stelle ich erleichtert fest: Es war ja gar nicht schlimm.
Also direkt nochmal und nochmal, bis es mir immer leichter fällt, die Hände vom Fels zu lösen.
Nachdem das gut funktioniert, gehen wir einen Schritt weiter. Jetzt bekomme ich ein wenig Schlappseil – natürlich noch immer im Nachstieg – sodass der Sturz etwas weiter wird.
Wieder rast mein Herz, wieder stelle ich fest, dass es gut klappt.
Nach einer ausgiebigen Pause wiederholen wir das Vorgehen in einer andere Route, die deutlich ausgesetzter ist.
Mir schießt das Adrenalin durch den Körper als ich im Nachstieg ungefähr 3m falle. Auch das wiederhole ich ein paar Mal, bis es sich besser anfühlt, dann ist Schluss für heute.
Sturztraining in den Alltag integrieren
An unserem nächsten Klettertag sind Steve und ich wieder auf uns alleine gestellt. Aber anstatt uns wie gewohnt vorm Sturztraining zu drücken, bauen wir es direkt in die erste Route ein. Ich übe zuerst nochmal im Nachstieg, dann im Vorstieg einer 5b. Erst springe ich direkt an der Exe, beim nächsten Go klettere ich ein Stückchen drüber.
Alles klappt so gut, dass ich einen Schritt weitergehen und mich der kniffligen 5c+ nebenan stellen möchte. Ich kenne sie schon von unserem letzten Besuch in diesem Sektor und weiß, dass es ihre beiden Schlüsselstellen in sich haben.
Entsprechend herausfordernd ist es für mich, diese Route im Vorstieg zu klettern. Hätte ich mich vor wenigen Tagen noch mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, klettere ich sie heute ohne Probleme durch – angstfrei!
Fazit
Für uns war es wichtig, das Sturztraining unter Anleitung einer Person zu machen, die absolute Ruhe ausstrahlt und auf diesem Gebiet kompetent ist. So konnten wir uns – trotz der Aufregung – etwas entspannen und haben uns sicher gefühlt. Gerd hat uns beim Sichern beobachtet und wertvolles Feedback gegeben, das wir sofort umsetzen konnten.
Schon die wenigen Sturzübungen haben uns tatsächlich geholfen, Vertrauen in uns selber und den anderen aufzubauen. Ab sofort heißt es beim jedem Klettertag: Lass dich fallen!
