Der Atem und die Atemkraft sind Thema unserer Yoga-Einheiten für diesen Monat. Warum ist dieses Thema aus unserer Sicht für Kletterer Atmen so bedeutsam? Als Kletterer weiß man doch, wie man atmet. Oder?
Nach mehreren Monaten Bouldern habe ich mich mit dem Seil wieder an den Fels gewagt, zu den Langer Berg Wänden im Frankenjura. Kennt ihr diese Mischung aus Vorfreude und gleichzeitig das mulmige Gefühl, das hinzukommt, wenn man losklettert und dann vor oder in der Schlüsselstelle merkt, dass die Höhe wieder ungewohnt ist?
Genau so ging es mir in diesem Moment. Im selben Moment verstärkte sich der Griff der Finger, der Atem wurde flacher – nicht wirklich entspannt.
Dieses mulmige Gefühl lässt sich zweierlei deuten.
Die erste Interpretation: “Ich will dieses Gefühl nicht haben! Ich will einfach klettern und mich nicht davon ausbremsen lassen! Wie kriege ich es nur weg?”.
Die zweite Interpretation, die vielleicht nicht sofort kommt: “Dieses Gefühl ist eine Gelegenheit dafür, mir Zeit zu nehmen und heute ein bisschen anders zu klettern. Mein Ziel für heute ist es, dieses Muster zu durchbrechen!”.
Atmen ... und der fließende Zustand des Kletterns
Wie kann ich dieses Muster, das Geschnattere im Kopf, durchbrechen? Eine Möglichkeit: Wieder in den Zustand des fließenden Kletterns und des fließenden Atems kommen. In den typischen Flow eben, in dem man an nichts anderes mehr denkt, sondern einfach macht und voll präsent ist.
Das funktioniert, wenn wir uns sicher fühlen, wenn die Route nicht zu schwer und nicht zu leicht ist. Meine Route dafür war die Westkante, eine Sternchen-Route im untersten Schwierigkeitsgrad, mit herrlichen Henkeln und Löchern … und mit 25 Metern Höhe und weiten Hakenabständen.
In dieser Route habe ich gemerkt, wie ein fließender Atem das Klettern und den Kopf beeinflussen kann. Ein entspannter, regelmäßiger Atem hat einen engen Zusammenhang zu unserem ganzen Nervensystem und Muskeln.
Das ist keine Esoterik, sondern ganz einfach menschlich. Mit flachem Atem funktioniert die Sauerstoffversorgung schlechter und die Arme sind schneller dicht und verkrampfen.
Zwischendurch hatte ich natürlich auch mal den Gedanken “Jetzt darf bloß kein Stein wegbrechen …” – und hatte mich schnell wieder auf den Atem und die nächsten Züge konzentriert.
Die Lektion?
An diesem Tag hatte mir das Klettern in der Westkante sehr viel gezeigt:
- Das Selbstbild spielt eine wichtige Rolle: Glaube ich, dass ich stark und trainiert bin? Oder glaube ich, dass ich schwächer bin, weil ich schon lange nicht mehr klettern war?
- Dennoch kann es immer sein, dass der Kopf unerwartet dazwischenfunkt. Die Kunst ist es, negativen Gedanken gleich wieder die Aufmerksamkeit zu entziehen.
- Einfacher ist es, sich aus der unangenehmen Situation zurückzuziehen. Je mehr wir jedoch bereit sind, dieses Muster aktiv zu durchbrechen, desto schneller kommen wir wieder an den Punkt mit Selbstvertrauen und Freude am Klettern.
Diese Lektionen und die Angst zu unterbrechen haben aus diesem Tag einen für mich sehr schönen und wertvollen Klettertag gemacht. Klar ist es ein unbeschreiblich gutes Gefühl, eine Route, bei der einem nichts geschenkt wurde, doch zu schaffen.
Aber das alleine ist es nicht. Spaß zu haben, auch mal etwas ausbouldern, oder eben ein mentales Hindernis zu knacken stehen für mich mindestens ebenso weit oben in der Bedeutung.
Arno Ilgner, der Autor von The Rock Warrior’s Way, hat einmal sinngemäß geschrieben:
Es geht beim Klettern nicht darum Routen zu schaffen und auf einer Liste abzuhaken. Es geht darum, etwas zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Wichtiger, als die Route bis zum Ende zu schaffen, ist in der Route etwas zu lernen.
Das kann ich voll unterschreiben!
Atmen ... ein zentraler Punkt im Yoga
Zurück zum Thema Atmen: Der Atem gehört für mich zu den wichtigsten und einflussreichsten Faktoren, die unsere Kraft, Ausdauer und Konzentration beeinflussen. Ein Gespür dafür ist außerordentlich wichtig – und genau das ist ein zentraler Aspekt im Yoga.
Mit verschiedenen Atemtechniken können wir den Atem unterschiedlich steuern und auch in den Haltungen ein deutlicheres Gefühl dafür entwickeln, ebenso wie die Gewohnheit des fließenden Atems – und das können wir beim Klettern wieder einfacher abrufen, weil wir es schon verinnerlicht haben.
In den Yoga-Haltungen selbst ist der Atem ein Indikator für die Qualität der Haltung: Mit Ach und Krach eine fordernde Übung hinzubekommen und dabei verkrampft zu atmen bringt im besten Fall nichts.
Im schlimmsten Fall kann so etwas zu Verletzungen führen: Wenn der Atem nicht frei fließen kann, ist der Kopf meist mit dem “Erreichen” der Haltung beschäftigt, wir sind nicht präsent und ziehen die Bremse vielleicht zu spät. In solchen Fällen haben wir eindeutig mehr von der Yoga-Übung, wenn wir sie etwas anpassen, so dass der Atem wieder ruhig fließen kann.
Mein Fazit zum Thema Klettern und Atmen
Wenn man einmal den Unterschied kurz nacheinander gemerkt hat zwischen fließender Atmung in der Route und stockender, verkrampfter Atmung, ist das Verständnis viel höher als wenn man nur darüber liest.
Deswegen: Wenn du nächstes Mal in einer Route ein mulmiges Gefühl hast, wie ich meiner ersten Route am Fels wieder, nimm das als Gelegenheit, den Atem zu beobachten und lass ihn ruhiger, tiefer werden. Das kann man auch im Alltag üben in stressigen Situationen, und am allerbesten beim Yoga, wodurch sich auch die Wahrnehmung der Haltungen grundlegend verändert.
Atemübungen kann man auch sehr gut in Vorbereitungsroutinen beim Klettern und Bouldern integrieren. Dazu nächste Woche mehr!
Was fällt dir zum Thema “Atmen beim Klettern” ein? Hast du Tipps, die dir geholfen haben, einen kühlen Kopf zu bewahren?
