„Du musst den Griff so nehmen, sonst geht das nicht“. Wie oft habe ich beim Klettern oder Bouldern schon gehört, wie ich etwas zu tun habe. Sei es, dass ich einen fast unsichtbaren Griff auf eine ganz bestimmte Weise halten oder mir mein Bein komplett ausrenken soll, um einen Hook zu setzen.
Einige dieser Tipps und Ratschläge beim Klettern sind nützlich und bringen mich weiter. Es kann schließlich sehr hilfreich sein, von der Erfahrung und dem Wissen anderen zu profitieren.
Und doch gibt es Momente, in denen mehr Selbstvertrauen beim Klettern mehr bringt. Momente, in denen ich mich entscheide, meinen eigenen Weg zu gehen und mich nicht daran zu halten, was vermeintlich normal ist.
Mehr Selbstvertrauen beim Klettern heißt, Lösungen zu finden
Für mich gibt es beim Klettern viele Parallelen zu anderen Lebensbereichen.
Die größte Parallele ist wohl die, dass ich mit Herausforderungen konfrontiert werde, vor denen ich weglaufen oder denen ich mich stellen kann.
Aus gutem Grund heißen solche Herausforderungen beim Bouldern Probleme.
Und wie sonst auch im Leben gibt es für manche Probleme einfach keine Universallösung. Im Gegenteil, manchmal kann es sogar notwendig sein, sich von der Norm zu lösen, um einen freien Blick auf Alternativen zu bekommen.
„Du kommst an der Stelle nur weiter, wenn du diesen einen Griff als Zange nimmst, sonst hast du keine Chance!“
Klasse, das hört sich ja fantastisch an.
Zangen sind nämlich überhaupt nicht meins, somit bin ich in dieser Route zum Scheitern verurteilt. Oder doch nicht?
Vielleicht geht es ja, wenn ich mich an der Wand abstütze, den Fuß dort drüben hochstelle und dann kurz diesen kleinen Griff benutze. Ich probiere es einfach mal aus.
Und siehe da: es funktioniert!
Mein Kletterpartner ist genauso überrascht wie ich. Auf die Lösung ist er nicht gekommen. Sie war zwar nicht besonders elegant, hat mich aber weitergebracht.
Was sich hier so einfach liest, ist in der Umsetzung nicht immer so easy und erfordert Selbstvertrauen beim Klettern.
Seinen eigenen Weg zu gehen, kostet nämlich Mut, auch beim Klettern.
Wenn ich mich abseits dessen bewege, was als normal gilt, kann ich nämlich schief angesehen werden. Schließlich stelle ich damit andere vielleicht in Frage und wer mag das schon?
Unterschiedliche Wahrnehmungen und Voraussetzungen
Wenn ich vor einer Route stehe, sehe ich sie mit anderen Augen als beispielsweise mein Freund. Er verfügt über viel mehr Klettererfahrung und kann daher manches besser einschätzen.
Obwohl er mich aber beim Klettern inzwischen fast in-und auswendig kennt, liegt er manchmal mit seinen Ratschläge komplett daneben. Sie passen einfach nicht zu dem, was ich mir zutraue oder dazu, was ich umsetzen kann.
Oft probiere ich seine Tipps natürlich aus.
Vielleicht habe ich eine bestimmte Technik vergessen, weil ich sie so selten anwende. Vielleicht übersehe ich gerade etwas, weil ich den Überblick verloren habe?
Das sind nur ein paar der Momente, in denen Lösungsvorschläge von außen förderlich sein können.
Und dann gibt es die Situationen, in denen ich eine Technik einfach nicht anwenden kann, weil mir die Erfahrung fehlt. Die Momente, in denen ich so große Angst habe, dass ich mich den nächsten Zug auf diese Weise nicht traue, weil mir die Kraft dazu fehlt.
Hier kann ich aufgeben oder selber nach einer Lösung suchen, ganz nach dem Motto „If nothing goes right, go left“.
"Wie komme ich vom Block denn wieder runter?"
Wie unterschiedlich die Wahrnehmungen und damit auch mögliche Lösungen für ein Problem sind, wird auch an diesem Beispiel deutlich.
Da ich bekanntermaßen große Angst vorm Fallen habe, möchte ich auch beim Bouldern immer vorher wissen, wie ich von einem Block wieder runter kommen.
Neulich frage ich meinen Freund: „Wo komme ich denn da wieder runter?“
Darauf antwortet er: „Also ich springe hier runter“ und steht dabei in 2,50 m Höhe.
Mal davon abgesehen, dass seine Antwort an meiner Frage vorbeiging, hilft mir seine Lösung nicht weiter. Von dort oben springe ich für kein Geld der Welt auf das Crashpad!
Also suche ich nach einer eigenen Abstiegsmöglichkeit, die zu mir passt. Dabei kann es durchaus passieren, dass ich von anderen belächelt werde, das nehme ich in Kauf.
Werden wir nicht genauso müde im Alltag belächelt, wenn wir es wagen, uns von der Norm zu entfernen?
Dabei ist es doch egal, wie eine Lösung aussieht. Hauptsache ist, sie funktioniert.
Mehr Selbstvertrauen beim Klettern heißt, außerhalb der Box zu denken.
Ich möchte keinesfalls sagen, dass es schlecht ist, auf bewährte Lösungen beim Klettern zurückzugreifen.
Wenn diese für dich aber nicht umsetzbar sind oder du dich damit nicht wohlfühlst, dann traue dich, kreativ zu sein. Vertraue dir.
Denke außerhalb der Box und versuche etwas anderes. Es heißt doch aus gutem Grund, dass der Weg das Ziel ist.
Wie dieser Weg aussieht, das darfst du ganz alleine entscheiden.
