ClimbingFlex Ilustration

Weniger Müssen, mehr Wollen.

Nima Ashoff | 20. Dezember 2015
9 Kommentare

Vor ein paar Tagen habe ich an einer Yogastunde teilgenommen. Über welchen Vorfall ich mich dabei ziemlich geärgert hat und was ich daraus für mich gezogen habe, erzähle ich dir heute.

Neulich habe ich bei einer Yoga-Stunde mitgemacht. Die Gelegenheit hat sich spontan ergeben und ich hatte Lust, mich der Gruppe anzuschließen.

Die Arten, auf die man Yoga praktizieren kann, sind recht unterschiedlich. Viele davon sind inzwischen an unsere westliche Welt angepasst und haben nur noch wenige oder gar keine spirituellen Bestandteile. Bei anderen dagegen gehört Spiritualität fest dazu.

Für mich ist beides in Ordnung, wobei ich es beim Yoga eher pragmatisch mag.

Ein Mantra zu rezitieren, kann als Einstimmung auf das Yoga hilfreich sein. Ich nutze für mich aber andere Rituale, um vom Alltag ins Yoga überzugehen.

Diese Stunde beginnt jedenfalls mit dem Rezitieren eines Mantras und ich höre einfach zu.

Dann folgt der Sonnengruß in einer leicht abgewandelten Form.

Mitzumachen ist für mich kein Problem. Durch das Yoga mit climbingflex bin ich mit dem Sonnengruß inzwischen vertraut.

Es folgen weitere Asanas, von denen für mich manche neu sind. Ich mache alle mit so gut ich es kann und soweit ich mich damit wohlfühle.

Als nächstes sollen wir einen Kopfstand machen. Als Alternative bietet die Yoga-Lehrerin eine Übung an, die mir aber zu schwer ist – genau wie der Kopfstand.

Die Welt steht Kopf

Dreieck
Erwartungen und Leistung loslassen - darum geht's im Yoga, dachte ich. Dass gerade eine Yoga-Lehrerin mit diesem "Das musst du doch machen" kommt, hätte ich nicht gedacht.

Und dann nimmt das Geschehen seinen Lauf.
Sie hakt nach, wieso ich keinen Kopfstand machen möchte.

Ich antworte, dass ich es schon mehrmals ausprobiert habe, mich dabei körperlich aber total unwohl fühle.

Sobald ich auf dem Kopf stehe, wird es mir schlecht – Punkt.

Das lässt ihr keine Ruhe.
Sie sagt, so etwas reizt sie. An diesem Thema müsse man doch arbeiten?

Und damit drückt sie meinen Knopf:
Wie kommt sie dazu mir zu sagen, was ich tun muss?

Bevor ich erneut antworte, frage ich mich selber:

  • Habe ich in meinem bisherigen Leben jemals einen Kopfstand benötigt?
    Nein.
  • Gibt es irgendeinen Lebensbereich, in dem ich mich eingeschränkt fühle, weil ich keinen Kopfstand machen kann?
    Nein.
  • Spüre ich auch nur im entferntesten das Verlangen, einen Kopfstand zu lernen?
    Nein.
  • Besteht gesundheitlich eine Notwendigkeit, auf dem Kopf stehen zu müssen?
    Auch nein.

Wieso um alles in der Welt sollte ich dann also einen Kopfstand lernen müssen?

Der Schlüssel zum Erfolg ist Freiwilligkeit

Dieses vermeintliche Problem, das ich nicht als eines empfinde, steht im kompletten Gegensatz zu meiner Höhenangst, durch die ich mich tatsächlich eingeschränkt fühle. Oder zu meinem Ekel vor Spinnen, was mich ebenfalls in meiner Lebensqualität begrenzt.

Nachdem ich der Yoga-Lehrerin deutlich vermittelt habe, dass mein Interesse an einem Kopfstand gleich Null ist, haben wir mit anderen Übungen weitergemacht.

Ruhe hat mir das Thema dennoch nicht gelassen.
Wie oft bekommen wir von anderen erzählt, was wir tun oder lassen sollen. Was wir verbessern oder ändern sollen.

Das können durchaus gutgemeinte Ratschläge sein. Ist aber der eigene Wille für eine Veränderung nicht da, fallen all diese Worte auf unfruchtbaren Boden.

Eine Veränderung oder ein Ziel brauchen den eigenen Antrieb!

Müssen wir wirklich?

Postkarte-Rückseite-Sitz
Starke Worte! Diese Postkarte hängt bei uns im Bus und erinnert mich immer wieder daran, ein "Müssen" zu hinterfragen.

Dieses Wort „müssen“ erzeugt teilweise einen enormen Druck, auch wenn wir es uns selber gegenüber verwenden.

Wenn ich mich dabei ertappe, dass ich in einen Stressmodus verfalle, ersetze ich das Wort spielerisch durch wollen oder können.

Bei den ersten Varianten führe ich mir die positiven Auswirkungen vor Augen. Das machen wir bei Muss-Sätzen in der Regel nicht und dadurch wirken sie so schroff. Es geht darum, ein Gleichgewicht zu finden. Zwischen „ich sporne mich an“ und „ich blockiere mich, weil ich auf mich zu hohen Druck ausübe“.

Es ist nicht immer einfach, sich von der Erwartungshaltung zu lösen. Egal, ob es die eigene oder die äußere ist. Mir ist es auch schwergefallen, vor der gesamten Yogagruppe zu sagen, dass ich für das Lernen des Kopfstands keine Notwendigkeit sehe.

Mein Fazit

Mit weniger Druck lebt es sich direkt viel entspannter, deshalb hinterfrage ich jedes Müssen sehr genau.

Und so kommt es, dass ich mich auch vom weihnachtlichen Konsumstress fernhalte, mir stattdessen lieber die spanische Sonne auf den Bauch scheinen lasse und frische Orangen vom Baum esse – weil ich es so möchte.

Was denkst du dazu? Wie gehst du damit um, etwas tun zu müssen?

Ähnliche Beiträge

9 Kommentare zu “Weniger Müssen, mehr Wollen.

  1. Eine gute Frage. Ich finde, bei der Frage wie weit ich gehe, geht es um die Balance zwischen sich selbst fordern aus der Komfortzone rauszugehen und wissen, wann es gut genug ist.
    In Bezug auf’s müssen ganz klar: Müssen erzeugt unnötigen Druck und Stress. Vor allem macht man sich da zum Opfer der äußeren Umstände, weil man sich selbst vorspiegelt, keine anderen Handlungsalternativen zu haben.
    Zu deiner Erfahrung im Yoga: Es gibt echt alles. Für mich gehört das „Müssen“ im Yoga von der Matte verbannt. Durch dieses Müssen haben sich schon sicher viele Yoga-Praktizierende einen Schaden hinzugefügt, weil sie auf Teufel komm raus eine Haltung probieren, die nicht für sie geeignet ist. Ein Lehrer zeigt den Weg, es geht aber darum, seine eigene Praxis und ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln! Und nicht darum, sich in die Abhängigkeit eines Lehrers zu begeben, der einem vorgibt, dass man am Kopfstand arbeiten muss.
    Deswegen Hut ab, dass du vor der Gruppe standhaft geblieben bist, Nima!
    So, das war jetzt fast ein Roman 🙂 Aber ich habe gemerkt, dass mich dieses Thema packt. Super Artikel.

    1. Eigentlich ein witziges Wortspiel: Bezüglich des Kopfstands bin ich standhaft gebllieben – aber mit dem Kopf nach oben 😉

      Ansonsten stimme ich dir absolut zu! Wenn man sich selber nicht auch mal in den Hintern tritt, kommt man nicht vorwärts. Und genau da kommt wieder die Freiwilligkeit ins Spiel 🙂

    1. Nima Ashoff Dann aber besser nicht in eine „Militärische“ Yoga-Stunde 🙂 oder vielleicht doch gerade dorthin, um dem Lehrenden ebenfalls eine Lernerfahrung anzubieten. Jeder Lehrer ist auch ein Schüler.

    2. Adios Angst, Bonjour Leben Super gemacht! In einem Video hatte ein Yoga-Lehrer mal gesagt: Es gibt 2 Regeln im Yoga. Nr. 1: Tu dir nicht selbst weh. Nr. 2: Lass nicht zu, dass dir ein Yoga-Lehrer weh tut. Muss also gar nicht mal böse gemeint sein, sondern ist vielleicht ganz einfach für den Yoga-Lehrer. Aber eben nicht immer etwas für uns.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.