Angst vorm Fallen
ClimbingFlex Ilustration

Angst vorm Fallen. Wieso ich trotzdem bouldere.

Nima Ashoff | 22. November 2015
14 Kommentare

Vor drei Jahren habe ich mit dem Bouldern und Klettern begonnen. Beides stellt mich vor eine ziemliche Herausforderung, da ich sehr große Angst vorm Fallen habe.
Hier erzähl ich dir, wieso ich manchmal am liebsten aufhören würde und was mich motiviert, trotzdem weiterzumachen.

„Ich habe keine Lust mehr. Mir zittern schon bei 50 cm Höhe die Beine als würde ich auf der Zugspitze stehen. Das muss doch irgendwann mal besser werden?“

So habe ich neulich meinem Freund Steve gegenüber mein Herz ausgeschüttet.
Wir sind in Albarracín, dem spanischen Bouldergebiet schlechthin. Von leichten bis schweren, von niedrigen bis hohen Bouldern – hier gibt es alles!

Heute kann ich mich nicht darüher freuen.
Zum xten Mal spielt mein Kopf einfach nicht mit. Der Boulder ist nicht schwer und sollte für mich kein Problem darstellen. Wäre da nicht diese verdammte Angst vorm Fallen.

Bouldern trotz Angst

Zarzalejo
Ein cooler Boulder bei Zarzalejo, nur so hoch!

Kein rationales Argument erreicht mich:

Für mich ist gar nichts sicher.
Meine Wahrnehmung spielt mir einen Streich und lässt die 50 cm wesentlich höher wirken. Meine Muskeln sind total verkrampft und ich habe das Gefühl, dass es mich nach hinten zieht. Ich klammere mich an den Fels und mag mich keinen Zentimeter mehr bewegen.

So funktioniert das nicht, also gehe ich wieder runter. Durchatmen. Beruhigen. Sammeln.

Ich schaue mir den Boulder noch einmal an: Fette Tritte und Griffe, da kann doch nichts schiefgehen?

Beim nächsten Versuch komme ich einen Zug weiter, bevor es mir wieder schwindelig wird. Aber jetzt habe ich einen besseren Stand und kann kurz verschnaufen.
Steve spricht ermutigend auf mich ein: „Komm, noch ein Zug, dann bist du oben. Auf geht’s, du machst das super!“

Oben angekommen, fühle ich mich erleichtert – geschafft!
Ein Stück Freude schwingt auch mit, schließlich habe ich mich nicht unterkriegen lassen. Aber auch ein Tropfen Ärger mischt sich in den Gefühlscocktail: Diese verdammte Angst geht mir so auf den Geist!

Boulder-Sitzstart
Sitzstart, kleine Kanten - alles in Ordnung. Sobald es in die Höhe geht, wird es mir unheimlich. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen!

Seit drei Jahren bouldere ich und bleibe auf dem gleichen (Anfänger-)Niveau.
Nicht, weil ich körperlich unbegabt wäre. Nein, weil mich die Angst daran hindert, in zwei Metern Höhe an einem Problem herumzutüfteln.

Abzuspringen oder zu fallen ist für mich eine Horrorvorstellung. Also halte ich das Risiko in einem überschaubaren Rahmen, indem ich auf leichtem Niveau bouldere.

Da kommt der Artikel von Carlos Klettern trotz Angst. Warum kletterst du eigentlich?“ genau richtig.

Angefangen habe ich mit dem Klettern, weil ich etwas gegen meine Höhenangst unternehmen und gleichzeitig einen neuen Sport ausprobieren wollte.

Obwohl mir bei meiner ersten Route die Beine wie Espenlaub geschlottert haben, haben mich diese Aspekte fasziniert:

Es gibt einige Dinge, die mich auch am Bouldern reizen, wobei meine Angst vorm Fallen hier noch größer ist.

Gleichzeitig werde ich mit einem weiteren, sehr persönlichen Aspekt konfrontiert: meinem Leistungsdenken!

Ich fühle mich als Außenseiterin, weil ich über das Anfängerniveau nicht rauskomme.
Dabei ist für mich ein 5er Boulder mit drei Metern Höhe durchaus eine Leistung! Aber oft vergesse ich einfach, diese wertzuschätzen und vergleiche mich mit all den anderen. Den Besseren. Den Mutigeren. Den Gelenkigeren. Den Stärkeren.

Ziele setzen

Es ist völlig in Ordnung, sich beim Klettern und Bouldern sportliche Ziele zu setzen. Das macht Spaß und gehört dazu.

Andererseits darf das Ziel auch sein, Spaß an der Bewegung zu haben oder eben, sich seiner Angst zu stellen – unabhängig von der Leistung.

Vor zwei Wochen habe ich mir nun auch noch den Fuß verstaucht, als ich von einer 6a Platte abgerutscht bin. Dumm gelaufen wie im Bilderbuch!

Gestern habe wieder ich mit den ersten Boulderversuchen begonnen und stelle fest, dass meine Angst noch stärker ist:

Nun heißt es für mich, doppelt so viel Geduld aufzubringen und mir kleine Erfolgserlebnisse zu verschaffen.

Mein Fazit

Aufhören?
Nein, ich mache weiter. Weil es noch immer genügend Momente gibt, in denen mir das Bouldern Spaß macht. Weil ich es mag, mit meinem Körper zu experimentieren und Bewegungsabläufe auszuprobieren. Aber auch, weil ich nicht möchte, dass die Angst gewinnt. Manchmal geht’s besser, machmal schlechter – aber aufhören werde ich noch nicht!

Welchen Tipp hast du für mich, mit der Angst beim Bouldern umzugehen?

Ähnliche Beiträge

14 Kommentare zu “Angst vorm Fallen. Wieso ich trotzdem bouldere.

  1. Sehr schöner und authentischer Artikel, Nima! Angst kenne ich auch gut, wenn auch mehr beim Klettern. Beim Bouldern habe ich nur bei hohen Bouldern Angst, in Bleau hat es mich mal ordentlich runtergehauen.
    Ein Tipp, der die Angst nicht wirklich kuriert: Niedrige Dächer bouldern 🙂 Die findet man allerdings auch nicht immer. Hast du beim Bouldern mehr Angst als beim Klettern?

  2. Ist nachvollziehbar, Nima. Ein Freund von uns war mal in einer Halle bouldern, die für sehr hohe Boulder bekannt ist. Abgesprungen, blöd aufgekommen, Fuß verknackst. Das muss echt nicht sein.
    Da muss jeder auch für sich entscheiden, ob es einem das wert ist, in 2 oder 3 Metern Höhe noch ein Problem zu lösen. Zwecks Angst ist jeder etwas anders gepolt. Manchmal helfen viele Wiederholungen in Baby-Schritten, manchmal auch nicht.

  3. Abspringen bewusst üben hilft oft – und zwar wie es oben steht in Baby-Schritten. D.h. von minimaler Höhe (ein paar cm über dem Boden) so oft abspringen bis es schon langweilig wird. Und dann ein paar cm höher gehen und auch von dort wieder so oft abspringen bis es schon echt langweilig ist… usw.
    Das schult das Körperbewusstsein – der Körper merkt sich quasi automatisch wie das Abspringen funktioniert, und du denkst folglich weniger aktiv darüber nach. Damit schwindet allmählich auch die Angst.
    Solche Absprungübungen am besten an jedem Tag an dem du boulderst einbauen. Und dir wirklich viel Zeit dafür nehmen.
    … und regelmäßiges Bouldern (mind. 1x/Woche) ist auch wichtig – denn bei 2 Wochen Pause beginnt man mit seiner Angst meistens wieder fast beim Ursprungszustand.

    1. Hey Verena,
      du sprichst in deinem Beitrag wirklich sehr wchtige Punkte an.
      Da ich selber ja auch Coach und Entspannungstrainerin bin, kenne ich diese Techniken zwar, aber wenn ich dann zitternd an der Wand hänge, ist das nochmal etwas ganz anderes …
      Punkt 4 und 5 werde ich beim nächsten Mal auf jeden Fall berücksichtigen 🙂

      Liebe Grüße und herzlichen Dank für deinen Link!
      Nima

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.