DE ClimbingFlex

Kopftraining statt Kopfkino

Kopftraining: Bouldern in Bishop. Endlich oben angekommen

"Oh oh. Jetzt wäre ein Kopftraining sinnvoll!!", habe ich beim Klettern schon oft gedacht, als ich nervös und verkrampft an einer Stelle ausgeharrt habe. Kennen wir alle, oder? Das Problem ist nur, dass wir meistens nur beim Klettern daran denken und es uns vornehmen. Im Alltag ist es schnell wieder vergessen.

Kopftraining ist etwas, das ich früher lange Zeit unterschätzt hatte. Es war für mich nie richtig greifbar, auch wenn es mich schon immer interessiert hat.

Ich habe es aber oft beim Konsumieren von Informationen rund ums Kopftraining belassen und das war's. Fürs Klettern hat mir die Theorie natürlich nicht geholfen. 🙂 Und wenn schon, einfach mehr klettern und das wird schon, dachte ich.

Das Klettern hat definitiv immer geholfen, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und intuitiver zu reagieren.

Momente, auf die ich beim Klettern lieber verzichtet hätte

Trotzdem hatte ich oft Situationen beim Klettern, die mir den Spaß sehr vermiest haben.

Da war dieser Frust.

Dass ich mich trotz mehrmaliger Versuche einfach nicht traue, nach dem dritten Haken im Top weiter vorzusteigen.

Oder die Angst.

Ein lebendiges Kopfkino, dass meine Arme gerade so dicht sind, dass ich genau weiß, dass ich jetzt nicht mal mehr den großen Henkel halten kann und gleich fallen werde.

Der Stress in vielen Formen.

Ich erinnere mich auch gut an den Stress zu glauben, die Route jetzt vorsteigen zu "müssen", weil es die anderen auch machen. Und wie gleichzeitig die Wut kam, dass ich mich doch nicht über Leistung definieren brauche, es aber trotzdem mache.

Oder dieser bescheuerte Gedanke, dass ich als Anfänger die anderen, die schon lange klettern, aufhalte.

Und eine Prise Traurigkeit, dass ich mich beim Klettern zurückhalte, weil ich Angst habe, dass mir im Dach die Kraft ausgeht. Dass ich es oft beim Versuchen lasse und dann eine Ausrede suche, warum es nicht geklappt hat, anstatt 100 Prozent zu geben und mir zu vertrauen.

Und was ich auch schlimm fand, auch als ich schon ein paar Jahre geklettert bin: das Vergleichen im negativen Sinne von "Warum zum Teufel schafft sie es und ich nicht?" anstatt "Sie macht das super. Was kann ich von ihr lernen?".

Klettern im Valle de los Cóndores, Chile. Die Wände sind glatt und haben Kanten und Risse. Brrr. Hier war ich nach sechs Jahren zum zweiten Mal zum klettern und habe mich daran erinnert, wie wenig ich es beim ersten Mal genießen konnte. Sehr schade, weil der Ort echt wunderschön ist. Daher diesmal lieber im Toprope.
Hier ein Sektor vom Valle de los Cóndores auf 2000 Metern Höhe. Die Wand ist sehr beeindruckend, auch wenn ich persönlich lieber löchrige Strukturen mag als diese glatten Tritte ...

Zum Glück kamen diese Situationen nur vereinzelt vor.

Dafür erinnere ich mich genau, wie sie mich so eingenommen habe, dass ich in solchen Momenten die schöne Landschaft nicht mehr wahrgenommen habe.

Und dass ich einmal im Urlaub sogar freiwillig aufs Klettern verzichtet habe, während die anderen losgezogen sind. Ich erinnere mich noch genau daran, wie seltsam sich das angefühlt und dass ich ziemlich gefrustet war. Toller Urlaub ...

Warum kann ich nicht wie die anderen klettern?

Früher habe ich die Kletterer beneidet, die ganz cool einfach drauflosklettern und denen man keine Spur von Nervosität anmerkt.

Bouldern in Punitaqui, einem wunderschönen Gebiet im kleinen Norden von Chile. Unsen Freund Walo habe ich schon immer für seine Gelassenheit und Konzentration bewundert. Auf so einem Nichts voll auf Reibung zu stehen und nach einer Mini-Kante zu greifen ... puh.

Wie gerne würde ich auch so klettern, dachte ich oft. Warum kann ich nicht so klettern?

Ein Wunsch und eine Frage, die nutzlos sind.

Klar, du kannst dich verändern und einen Kletterstil von jemandem anders nachahmen.

Die Basis ist, erstmal bei sich selbst anzufangen und die Situation, so wie sie gerade ist, zu akzeptieren.

Ansonsten bleibt es immer beim Konjunktiv statt bei der Realität.

Einfacher gesagt als getan, stimmt's?

"Schaue ich echt so besorgt?!" habe ich mich gefragt, als ich dieses Bild gesehen habe. Okay, vielleicht schaue ich auch immer so, wenn ich konzentriert bin ... sieht aber trotzdem sehr angespannt aus. Ich weiß noch genau, wie diese ersten Boulder bei den Buttermilks in Bishop mit ihren scharfen Körnchen und Mini-Löchern anspruchsvoll waren. Hier gehen Roman und ich die Züge durch.

"Wie kann ich darin das Positive finden?"

Als ich mir diese Frage gestellt habe, fiel mir erstmal nichts ein.

Kennst du das, dass dir manchmal die Antwort nicht glasklar einfällt, dass dir gedanklich aber eine Möglichkeit kommt, die sich richtig anfühlt?

So ging's mir schließlich. Ich habe bisher zwei Punkte gefunden, die diese düsteren Momente dann doch in einem anderen Licht erscheinen lassen.

#1 Auch negative Gefühle machen lebendig.

Wenn ich diese schwierigen Momente beim Klettern nie gehabt hätte, wäre es für mich wahrscheinlich ein schöner Sport, der wirklich Spaß macht und interessant ist. Mehr aber auch nicht.

Das hat nicht viel mit dem zu tun, was das Klettern für mich bedeutet:

  1. Als eine wunderbare Möglichkeit, sich selbst zu überwinden und dabei stärker zu werden.
  2. Als eine Gelegenheit, sich die eigene Kraft mal wieder vor Augen zu führen - oft vergessen wir, wie stark wir schon tief im Inneren sind.
  3. Voll in diesem Moment zu sein. Die Intensität voll zu leben, anstatt im Vorher oder Später zu sein.
  4. Nicht halbherzig versuchen, MACHEN.
Wo kann ich die Füße setzen? Ich habe gemerkt, dass mir eine Vorbereitung bei anspruchsvollen Boulderproblemen unglaublich hilft, die Züge koordinierter und gezielter zu machen. Wenn gar keine Probleme mit dem Kopf hätte, würde ich mir dafür vermutlich nicht die Zeit nehmen.

#2 Ich kann es üben. Und das Training hört nie auf.

Früher habe ich mich sehr schnell entmutigen lassen, wenn was nicht auf Anhieb geklappt hat. Das war auch beim Klettern eine meiner größten Herausforderungen. Ich habe fast immer zu früh aufgehört statt den Zug durchzuziehen.

Das hier hört sich leicht abgefahren an, aber es fühlt sich echt so an: Heute sehe ich diese frustrierenden Momente von damals als eine Gelegenheit, die ich bekommen habe. Eine Gelegenheit für eine andere Sichtweise.

Ich habe gesehen, dass ich es nicht sofort perfekt können muss. Talent hilft zwar. Aber es kommt vor allem auf eins an: Training. Etwas immer wieder zu üben. Auch das Lernen hört nicht auf, wenn du lebendig bleiben willst.

Warum bekommt Kopftraining weniger Aufmerksamkeit beim Klettern als Krafttraining und Technik?

Gute Frage. Wir alle wissen doch, dass Kopftraining wichtig ist. Überall ist Wolfgang Güllichs Spruch bekannt, dass der Kopf der wichtigste Muskel beim Klettern ist.

Vielleicht weil Kopftraining weniger offensichtlich ist als Kraft- und Techniktraining. So wie wenn das der obere Teil vom Eisberg ist, den man eher sieht, während Kopftraining den unteren Teil vom Eisberg darstellt.

Bestimmt aber auch, weil es vielschichtiger und komplexer ist als körperliche Training.

Immer noch bei den Buttermilks in Bishop. Auch wenn mir hier gerade die Tür aufgeht, war ich froh, dass es hier wenigstens mal was Größeres zum Greifen gab! Der Boulder sieht nicht so schwierig aus. Der obere Teil hat mich aber mental doch etwas Überwindung gekostet. Beim dritten Anlauf hat es endlich geklappt und ich habe mich gefreut, dass ich drangeblieben bin.

Wie mein Kopftraining mit Yoga begonnen hat

Es hat alles so angefangen, dass ich wieder mehr Yoga am Morgen machen wollte.

Ich weiß nicht, wie es dir morgens geht, ich bin direkt nach dem Aufstehen so beweglich wie ein Stück Holz.

Die Vinyasa-Yogavideos mit schnellen Bewegungen, die ich eine Zeit geliebt hatte, haben bald nicht mehr gut funktioniert. Ich habe gemerkt, dass meine linke Schulter durch die vielen Hundhaltungen direkt am Morgen immer empfindlicher wurde.

Das war für mich der Grund mit schnellen Flows aufzuhören. Gerade am Morgen.

Ich habe dann hauptsächlich stärkende Haltungen am Morgen gemacht und mehr auf Stabilität geachtet.

Und so kam ich dann immer mehr zu der Yoga-Praxis zurück, mit der mein Yoga-Weg angefangen hatte: Kundalini-Yoga, das meine Freundin und Yogalehrerin Nina als "nicht gerade massentauglich" bezeichnet.

Eine Beispiel-Yogaübung, die im "normalen" Yoga eher unüblich ist: Abwechselnd das Gewicht auf einen Fuß verlagern und das andere Bein kontrolliert (und genau das ist die Kunst) nach oben geben. Am Anfang geht's leicht, nach einer Weile wird es sehr anstrengend.

Ja, es ist speziell und mit allen Elementen kann ich mich auch nicht identifizieren. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in den ersten Yoga-Stunden geschockt-skeptisch war, weil ich mir Yoga so mal gar nicht vorgestellt hatte. 🙂

Was für mich aber gut funktioniert hat, sind die Aspekte, es leicht bis stark unangenehm zu machen, viel mit der Atmung zu arbeiten und vor allem dranzubleiben.

Muss Kopftraining Yoga beinhalten?

Nö.

Es gibt nicht die eine Lösung und den einen Weg, finde ich.

Kopftraining ist ein großes Thema und ich kann mir vorstellen, dass es andere pragmatische Lösungsansätze gibt, die wirklich funktionieren. Für mich funktioniert Yoga aber großartig.

Was genau macht Yoga für mich so wertvoll als Kopftraining?

Ich glaube, es ist die Kombination aus diesen drei Punkten:

  1. in einer anderen Umgebung schrittweise das Unangenehme zu trainieren und dabei die Atmung wirksamer zu nutzen
  2. die Verbundenheit zwischen Körper und Kopf mit stärkenden und öffnenden Haltungen zu nutzen
  3. die Konzentrationsfähigkeit zu trainieren, was wir mit dem heutigen Lebensstil oft unterschätzen

Es funktioniert einfach.

Das Schöne am Yoga fürs Kopftraining ist, dass du das Unbequeme in Mini-Schritten dosieren und wirklich an deine Bedürfnisse anpassen kannst. Das ist für mich wichtig, weil ich sonst gar nicht erst anfange.

Affirmationen sind mir zu kopfbezogen und funktionieren für mich mal beim Klettern, aber nicht als Basis fürs Kopftraining. Für mich ist es wichtig, auf der körperlichen Ebene anzufangen und das Vertrauen zu schaffen, dass ich dranbleiben kann, ohne mich zu viel Stress auszusetzen.

Diese Erfolge, auch wenn sie klein sind, setzen sich mit der Zeit im Unterbewusstsein fest. Und damit wären wir wieder beim Eisberg: Das Unterbewusstsein ist so viel stärker als die reine Ratio-Ebene!

Fazit

Neben dem Eisbergmodell gibt es ein weiteres Bild, das mir zum Kopftraining im Zusammenhang mit Kraft- und Techniktraining einfällt. Es ist ein bisschen so wie die Software und die griffige Hardware. Wenn beides miteinander harmoniert, macht die Sache Spaß.

Wenn auch bei dir oft das Kopfkino aktiv ist, mach dir keine Sorgen. Es lässt sich in den Griff kriegen. Und wenn die Emotionen stark sind, dann hilft diese Frage: "Was könnte daran positiv sein?" bzw. wenn du noch weiter gehen willst "Was könnte das Geschenk sein?".

Kopftraining ist für mich unglaublich wichtig geworden. Es hat mir nicht nur fürs Klettern geholfen, endlich mehr dranzubleiben. Es für mich auch eine Möglichkeit, mein Durchhaltevermögen in jeder Hinsicht zu stärken, anstatt immer den leichten Weg zu suchen.

Yoga, finde ich, funktioniert deshalb so gut, weil es auf der körperlichen Ebene stattfindet und das Unangenehme in kleiner Dosis trainiert. Bis es ganz normal wird.

Nach dieser langen Story interessiert mich deine Meinung zu dem Thema. Findest du Kopftraining wichtig? Machst du was in dieser Hinsicht?

Die mobile Version verlassen