Angst vorm Klettern – Schluss mit Ausreden
Nima Ashoff | 23. August 2016
3 Kommentare
Obwohl Nima trotz Angst unheimlich gerne klettert, drückt sie sich an manchen Tagen davor, an den Fels zu gehen. Heute erzählt sie dir, wie sie sich neulich beim Erfinden von Ausreden ertappt hat. Zeit, den Ausreden auf den Grund zu gehen ... Eine Anregung für dich, wenn auch bei dir manchmal die eine oder andere Ausrede kommt.
Es ist ein Tag wie aus dem Bilderbuch: Angenehme 20 Grad und ein strahlend blauer Himmel. Wir stehen mit unserem Bus in El Chorro und können unter zig Routen in jedem Schwierigkeitsgrad wählen. Ideale Bedingungen, um klettern zu gehen.
Wenn da nur dieser starke Wind nicht wäre, das mag ich beim Klettern ja nicht so gerne. Vielleicht warten wir einfach noch ein wenig, ob er etwas abflaut.
Nein, den Gefallen tut er mir heute nicht, aber morgen ist ja auch noch ein Tag.
Am nächsten Vormittag sieht der Himmel bewölkt aus und es nieselt. Och nee, bei Nässe klettern ist echt nicht mein Ding. Außerdem ist es irgendwie frisch und ungemütlich. Da arbeite ich lieber und gehe später an den Fels, ansonsten einfach morgen …
Am dritten Tag brechen wir tatsächlich nach dem Frühstück auf. Kein Wind, kein Regen, heute wird geklettert.
Als wir im Sektor ankommen, bin ich schweißgebadet. Der Zustieg war schwerer als erwartet und hat mich mental ziemlich gefordert. Angst vorm Fallen habe ich nämlich nicht nur beim Klettern, sondern auch auf aufgesetzten, gerölligen Trampelpfaden.
Da gönne ich mir doch erstmal eine Pause und lasse meinem Freund den Vortritt.
Als er mit der Route fertig ist, haben wir beide Hunger und legen eine kurze Snackpause ein. Nach der kleinen Stärkung bin ich dran. Jetzt kann ich endlich wieder klettern, was in den letzten Tagen ja fast unmöglich war.
War das Klettern wirklich unmöglich?
Beim Gedanken daran, dass ich gleich an den Fels gehe, spüre ich ein vertrautes Kribbeln im Bauch aufsteigen. Es ist eine Mischung aus Vorfreude und Angst.
Ein Gefühl, dass mich unter Spannung setzt, im positiven sowie im negativen Sinne.
Die Angst vorm Fallen, die mich beim Klettern begleitet, bedeutet für mich Stress. Nicht erst, wenn ich in der Route bin, sondern schon im Vorfeld.
Bin ich dann aber am Fels bin und fühle den Stein unter den Fingern, dann legt sich die Anspannung. Mal schneller, mal langsamer, aber sie verändert sich.

Das Klettern habe ich begonnen, um mich genau dieser Angst vorm Fallen zu stellen und nicht länger vor ihr wegzulaufen. Ich habe Gefallen an dem Sport gefunden. Daran, wie sehr er mich körperlich und mental fordert.
Gleichzeitig schreit mein Unterbewusstsein noch immer „Achtung, Gefahr“, wenn es ums Klettern geht. Und so erwische ich mich dabei, wie ich Ausreden erfinde, um dem unangenehmen Gefühl zu entkommen.
Ausreden zu erfinden, ist bequem
Aber diese Rechnung geht nicht auf. Statt der Angst stellt sich nämlich die Gewissheit ein, dass ich mich selbst betrüge. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich ganz genau, dass das bisschen Nieselregen kein Grund ist, um das Klettern ausfallen zu lassen. Und auch der Wind hätte mich nicht vom Fels gefegt.
Beides waren willkommene Ausreden, um mich zu drücken, denn mich mit meiner Angst zu konfrontieren, kostet jedes Mal aufs Neue Energie.
Ich beneide diejenigen, die mit ihrer Angst souverän umgehen können, bei mir klappt das nicht.
Vielleicht kennst du das ja auch, dass du dich auf etwas freust und gleichzeitig wahnsinnig aufgeregt bist? Ob Canyoning, Downhillfahren oder Klettern, es gibt viele Sportarten, mit denen ein hoher Nervenkitzel verbunden ist.
Angst zu haben, ist legitim
Ich finde es vollkommen in Ordnung, die Hosen voll zu haben. Was ich allerdings nicht mag, ist mich selber zu belügen, weder beim Klettern noch in anderen Lebensbereichen.
Was sollen also die Ausreden?
Will ich wirklich klettern gehen, trotz Angst? Dann kann auch bei Wind und Nieselregen an den Fels gehen. Entweder es klappt oder es klappt nicht.
Möchte ich nicht klettern gehen, ist das auch in Ordnung. Dann kann ich mir das ehrlich eingestehen und mich mit der Angst vor der Angst beschäftigen.
Welche Befürchtungen habe ich wirklich? Wie kann ich meine Zweifel in positive Energie umwandeln? Welche Erfolge habe ich beim Klettern schon erzielt, mit denen ich mich motivieren kann?

Fazit: Gesteh's dir ein
Als wir kurz darauf zum Bouldern nach Albarracín fahren, nehme ich diese Erkenntnis mit. Ich gestehe mir zu, dass es Tage gibt, an denen ich keine Lust zum Klettern oder Bouldern habe. Mir macht auch nicht jeden Tag das Joggen Spaß. Mein Bauchgefühl sagt mir ganz genau, wann ich eine Ausreden benutze.
Spätestens dann kann ich mein Verhalten hinterfragen und etwas daran ändern, ganz nach dem Motto:
"Face your fears and do it anyway."
Hallo 🙂
Also ich kenn so etwas ähnliches wie du hier beschreibst. Manchmal bei Bergtouren überkommt mich plötzlich so ein komisches mulmiges Gefühl. Bisher ist mir das drei Mal passiert, dass ich an einer Stelle lang musst, die eigentlich gar nicht so gefährlich ist und auch ohne Gurt gefahrlos überquerbar ist. Aber manchmal legt sich bei mir der Schalter um und ich bin wie gelähmt.
Mittlerweile hab ich aber einen Trick: Einfach kurz einen Klettergurt anlegen, sich bei jemand einhängen und schon kann die Stelle ohne Probleme gemeistert werden. Das ist wie eine mentale Blockade.
Weil es aber sinnloses Gewicht wäre jetzt einen Ganzkörpergurt jedes mal mitzuschleppen, weil es ja sein könnte, dass ich wieder mal an so eine Passage komm, hab ich mir einen leichten Hüftklettergurt zugelegt, so einen ähnlichen wie diesen hier: http://www.welche-kletterausruestung.com/produkte/petzl-calidris/ .
Ich muss sagen das klappt alles einwandfrei! Vielleicht geht es ja noch wem so?
LG Andrea
Hi Andrea, mentale Blockaden kann man auch beim Sportklettern überwinden, wobei das bei jedem anders aussieht. Die für sich richtige Strategie zu finden finde ich total wichtig, also sich auch mal auf dieses Gefühl einlassen, sich selbst mehr vertrauen lernen und vor allem die Gedanken- und Atemkontrolle meistern. Danke fürs Teilen, viel Spaß dir weiterhin am Berg!
Hallo Andrea,
das mit dem Gurt ist eine interessante Idee, die ich mal im Hinterkopf behalte 🙂
Liebe Grüße
Nima