ClimbingFlex Ilustration

Entspannung auf Signal – Angst abbauen beim Klettern

Nima Ashoff | 1. Mai 2016
18 Kommentare

Wenn es darum geht, meine Angst beim Klettern in den Griff zu bekommen, greife ich auf verschiedenste Methoden zurück. Als Entspannungspädagogin schwöre ich dabei auf die Verknüpfung von Entspannung mit einem Signal. Wie das genau funktioniert, erkläre ich dir hier.

„Warte, ich kann gerade nicht weiter. Ich muss mich erst einmal wieder beruhigen. Meine Beine zittern total und mein Herz rast bis zum Hals.“

Ich weiß nicht, wie oft ich das meinem Freund beim Klettern oder Bouldern schon zugerufen habe.

Wie eingefroren hänge ich am Fels und komme keinen Schritt weiter. Selten ist es aber eine Stelle, an der ein gemütliches Ausruhen vorgesehen ist. Wenn mich die Panik packt, dann gibt es in der Route genau an dieser Stelle einen Grund – zumindest aus meiner Sicht.

Ich will mich entspannen – sofort!

Das Gefühl der Angst kann ich nicht als prickelnd beschreiben.
Am liebsten wäre es mir, es würde sofort wieder verschwinden, aber so einfach ist das leider nicht.

Solange die Muskeln völlig verkrampft sind und ich im Fluchtmodus bin, ist an konzentriertes Klettern nicht zu denken. Deshalb greife ich gerne auf eine Methode zurück, mit der sich das Adrenalin senken lässt: konditionierte Entspannung.

Was so theoretisch klingt, ist in der Praxis ein wirkungsvolles Hilfsmittel, um Stress abzubauen.

Ich erkläre das mal an einem Beispiel.

Konditionierung bedeutet in der Lernpsychologie, dass ein neutraler Reiz mit einer Reaktion/einem Reflex verknüpft wird.

Diese Form des Lernens passiert unser ganzes Leben lang automatisch.
Es kann zum Beispiel sein, dass man einmal verdorbenen Fisch gegessen hat und es einem schlecht wurde. Noch Jahre später kann alleine der Geruch von Fisch Übelkeit hervorrufen.

Aber wir reden hier ja nicht von Fisch, sondern vom Klettern und von Entspannung!

Entspannung auf Signal: Der Aufbau des Signals

Konditionierung passiert nicht nur automatisch, sondern lässt sich auch bewusst erzeugen.
Das geht, indem wir einen entspannten Zustand herstellen, zum Beispiel mit Yoga, der Progressiven Muskelentspannung, dem Autogenen Training, einer Massage, Meditation oder dem Hören einer Entspannungs-CD.

Dieses Gefühl können wir nun mit verschiedenen Dingen verknüpfen:

Sobald du entspannt bist, legst du deine Hand zum Beispiel immer auf die gleiche Körperstelle oder machst eine bestimmte Bewegung mit den Fingern.
Du kannst auch ein spezielles Wort wiederholen, wie bei einem Mantra.

Sowas funktioniert natürlich nicht von Jetzt auf Gleich, sondern braucht mehrfache Wiederholungen. Aber mal ehrlich: Es gibt Schlimmeres als sich zu entspannen, oder?

Wenn unser Gehirn die Verknüpfung der Entspannung mit den Signal gespeichert hat, können wir diese im Alltag abrufen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir einfach umfallen und komplett relaxed sind.

Mit Hilfe des Entspannungssignals können wir aber Einfluss auf unseren Stresslevel nehmen und diesen ein wenig senken. Soweit, dass wir nicht mehr im Panikmodus, sondern wieder handlungsfähig sind.

Entspannung
Für einen Moment in sich gehen und alles Unwichtige auf die Seite schieben ... das mache ich vor allem gern, wenn ich draußen bin. Die Hände auf die Knie zu legen ist mittlerweile ein Signal, das die Entspannung verstärkt.

Die Macht der Gerüche nutzen

Besonders gut funktioniert die Verknüpfung übrigens mit einem Geruch, denn Gerüche wirken direkt im Gefühlszentrum unseres Gehirns.

Wir nehmen einen Duft wahr und sofort versetzt uns dieser in eine bestimmte Stimmung oder weckt Erinnerungen. Natürlich kommen da auch individuelle Vorlieben ins Spiel. Der eine mag den Duft von Lavendel, der andere findet ihn ekelhaft.

Um die Entspannung auf Signal möglichst vielseitig anwenden zu können, macht es Sinn, sie mit vielen Signalen zu verknüpfen. In einer Situation geht es gut über einen Geruch, in der anderen besser über ein Wort oder eine Berührung.

Das Schöne daran ist: Die Verknüpfung funktioniert auch dann, wenn du daran zweifelst!

Wenn ich in einer Route starr vor Angst werde, dann greife ich gerne auf ein Wort zurück, das ich vor mich her sage. Eine Berührung ist während des Kletterns eher schwierig, aber mit einem Geruch lässt es sich ebenfalls ganz gut arbeiten. Mir zittern nämlich oft auch noch die Beine, wenn ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Die nächste Route wartet dann aber meistens schon.

Mein Fazit

Die Entspannung auf Signal ist kein Allheil- oder Wundermittel, sondern einfach ein nützliches Werkzeug mehr im Umgang mit der Angst beim Klettern.
Je größer der Methodenkoffer, umso flexibler lässt sich mit der Angst beim Klettern umgehen.

Was wirkt bei dir am besten gegen akuten Stress?

Ähnliche Beiträge

18 Kommentare zu “Entspannung auf Signal – Angst abbauen beim Klettern

  1. Kommt auf die Situation an. Die Wechselatmung hat eine sehr stark fokussierende Wirkung bei mir. Wenn der Stress schon richtig akut ist, brauch ich erst eine kurze Pause bzw. Abstufung vom Stresslevel. Den Punkt mit den Gerüchen finde ich in jedem Fall klasse, Nima! Werde mal ausprobieren, was da am besten funktioniert.

  2. Danke für den tollen Artikel! Als Hobbykletterer habe ich natürlich auch immer mit Angst zu kämpfen. Mal mehr, mal weniger. Mal blockiert sie mich wenn ich in der Wand hänge, mal ist es aber auch die Angst, die mich an den Fels lockt weil sie mich herausfordert.
    Ich versuche meine Angst mit positiven Gedanken zu kontrollieren und es hilft mir auch meinen Atem zu hören. Dazu atme ich laut durch die Nase ein und durch den Mund aus. Das hat auch den Vorteil, dass ich nicht aufs Atmen vergesse.
    Trotzdem kommt es vor, dass hohe mentale Anstrengung zum Ende eines Klettertages führen kann. Genau so, wie ich körperlich erschöpft sein kann, kann ich auch mental erschöpfen.
    Aber es gibt eben solche Tage und andere. Das Wichtige beim Klettern ist für mich, sich den Schwierigkeiten zu stellen und daraus seine Erfahrungen zu machen.

    1. Hi Alex, super Einstellung „sich den Schwierigkeiten stellen und daraus seine Erfahrungen machen“. Manche haben gar kein Problem mit Angst und Fallen, das finde ich bewundernswert. Aber bei sich selbst im „hätte“ und „würde“ zu denken bringt nichts. Das Positive darin, wenn man kein „harter Brocken“ ohne Angst ist, ist dass man immer wieder über sich hinauswachsen und was lernen kann.

    2. Hey Alex,
      das mit der mentalen Erschöpfung kenne ich nur zu gut. Die habe ich weniger beim Klettern als beim Mountainbiken, weil ich dort so viele informationen schnell verarbeiten muss.
      Dass dich die Angst manchmal an den Fels lockt, finde ich spannend. Sich ihr zu stellen, ist wirklich der beste Weg und du scheinst für dich einen guten gefunden zu haben.

      Ich wünsche dir weiterhin viele positive Erfahrungen und viel Spaß 🙂
      Liebe Grüße
      Nima

    1. Das ist doch toll, wenn man auf diesem Weg auch noch zur guten Stimmung beitragen kann 😉
      Ich wusste auch nicht, welches Fluchpotenzial in mir verborgen liegt, bevor ich mit dem Klettern begonnen habe …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert