Gefahr Leistungsdruck beim Yoga
Stefanie | 4. September 2016
4 Kommentare
"Leistungsdruck beim Yoga ist fehl am Platz", meint Steffi, die bei uns Yoga macht. Wir beide hatten uns in letzter Zeit mit ein paar Mails zu rückenspezifischen Anpassungen von Yoga-Haltungen ausgetauscht und kamen drauf, wie schnell man tiefer in Yoga-Haltungen geht, als gut ist. Oder sich eben hineinzwingt. Auf Kosten des Körpers. Ist dir das auch schon so ergangen?
Mir ja. Sogar schon mehrmals. Mittlerweile habe ich dazu eine deutlich entspanntere Haltung. Du kennst sie vielleicht:
Du bist einzigartig. Und deswegen bringt es nichts, wenn du dich auf einen Bilderbuch-Yogi reduzierst.
Heißt im Klartext: Pass die Haltung an, wann immer es dir mehr bringt. Und vor allem, wann immer es dir hilft, die Haltung sicherer auszuführen. Ohne stabile Ausführung und ohne Präsenz erhöht sich die Verletzungsgefahr auf der Matte, vor allem in:
- der LWS
- den Schultern
- den Knien
Leistungsdruck beim Yoga: No-Go und doch eine schwierige Balance
Da ich die Yoga-Haltungen im Unterricht und in Fit4Climbing anleite, merke ich oft, wie sich bei mir ein Konflikt auftut.
Einerseits will ich Vorurteile bei Kletterern abbauen und zeigen, dass Yoga mehr ist als nur Entspannung. Dass es auch für Unbewegliche ist und nicht nur für Zirkusreife. Dass es durchaus anstrengend sein kann. Dass wir nur dann wachsen können, wenn wir aus der Komfortzone treten.
Andererseits sind gerade Kletterer sehr leistungsorientiert und übertragen das auf die Matte. Alles, was cool und fordernd aussieht, weckt Interesse. Super, wenn man danach kaputt am Boden liegt. Dann hat man wenigstens etwas gemacht.
Zum Glück ist das nicht bei allen so. Aber die Tendenz ist da, den Ehrgeiz auf die Matte mitzunehmen. Was manche schnell vergessen: Nicht jede Haltung, die cool aussieht, ist für jeden geeignet. Oder bringt überhaupt was.
Die Balance zu finden zwischen fordern (im positiven Sinn) und Leistungsdruck rausnehmen ist manchmal gar nicht leicht.
Lass uns jetzt mal anschauen, was du konkret tun kannst, wenn die Balance zwischen fordern und übertriebener Leistung auch für dich ein Thema ist.
"Was will ich wirklich erreichen?"
Das ist die Ausgangsfrage. Wenn sie sich für deinen Geschmack zu sehr nach Leistungsdenken anhört, kannst du dich stattdessen fragen, was deine Absicht in dieser Haltung ist. Andere Wortwahl, gleiches Ziel, nämlich: Klarheit schaffen.
Wenn du dir diese Frage stellst, gehst du außerdem weg von "Wie sehe ich in der Haltung aus?" mit dem Ego-Drang. Die weiterführende, wichtige Frage lautet:
Ist diese Haltung zweckmäßig für mich?
Also bringt sie dich wirklich näher an das, was du suchst? Oder bringt sie unerwünschte Nebenwirkungen für den Rücken oder die Schultern mit? Falls das der Fall ist, mach dir klar, dass du in den allermeisten Haltungen immer Optionen zur Veränderung hast. Und falls nicht, ist die Haltung fehl am Platz.
Sag dir: "Ich bin gut genug."
Wenn du dich bei uns umgeschaut hast, wird dir sicher aufgefallen sein, dass wir sehr das Thema "inneres Wachstum" fokussieren. Ist das nicht ein Gegensatz zu "Ich bin gut genug"?
Nicht unbedingt. Ohne Veränderung bleiben wir stehen. Oder wir bleiben sogar zurück. Das sehen wir schnell, wenn wir eine Weile nicht klettern und dann erst mühevoll wieder hineinfinden. Oder wenn wir unsere Beweglichkeit vernachlässigen und uns dann wundern, dass wir stocksteif sind.
Ich bin auch fest davon überzeugt, dass wir beim Klettern dann den meisten Spaß haben und uns innerlich frei fühlen, wenn wir uns eine Route wirklich erarbeiten und nicht einfach geschenkt bekommen. Eine Route, die uns null Anstrengung kostet, ist "ganz nett", manchmal auch sehr schön. Aber es ist kein Vergleich zu einer Route, bei der wir uns überwinden, an unsere Grenze kommen und dennoch dranbleiben.
"Ich bin gut genug" ist für mich keine Freikarte, um nicht mehr an sich zu arbeiten und stehen zu bleiben. Für mich bedeutet es mehr, sich selbst wertzuschätzen. Sich zu respektieren. Zu wissen, dass du anderen nichts beweisen musst.
Anderen nichts beweisen müssen - manchmal ist das gar nicht so leicht, oder? Für mich auch nicht. Es bringt aber nichts. Wir müssen aufhören, Anerkennung von außen zu suchen. Wir machen uns damit nur Stress, und auf der Matte bringen wir uns damit in Ausführungen von Haltungen, die uns mehr schaden als nützen.
Schließ in der Haltung die Augen und fokussier dich aufs Fühlen
Das hat zwei Vorteile. Einmal blendest du die flexiblen Personen um dich herum aus und kommst nicht in Versuchung, auch einen Zahn zuzulegen.
Und du richtest die Konzentration nach innen. So kannst du:
- schneller auf das Feedback von deinem Körper reagieren. Du erkennst, wie weit du wirklich gehen kannst (und wie weit nicht).
- die Atmung vertiefen. Das ist entscheidend, wenn du die Wirkung deiner Haltungen verbessern möchtest.
- die Haltung mehr genießen. Besonders in Dehnungen ist dieser Punkt wichtig, damit die Muskeln entspannen können und nicht aus Stress verhärten.
Das passt natürlich nicht für alle Haltungen. Probier es mal aus, wenn du mehrere Atemzüge in einer Haltung bleibst oder wenn du einen Ablauf kennst.
Wie verändert sich deine Haltung dadurch?
Unwohlsein vs. Schmerz: Zieh deine Grenze
Manchmal ist es nicht leicht, die Grenze zu erkennen. Besonders wenn dein Körpergefühl (noch) nicht so ausgeprägt ist.
Die Grenze ist bei jedem anders. Es kommt darauf an, wie ausgeruht du bist, wie sehr aufgewärmt, wie sehr durch anderen Sport vorgeprägt.
Es darf auch mal in einer Yoga-Haltung unangenehm sein. Die Beine dürfen in einem Krieger II auch mal zittern. Der Fuß darf in einer Gleichgewichtshaltung auch mal wackeln. In einer Vorwärtsbeuge darf es in den Beinen auch mal etwas ziehen. Schmerzen aber nicht!
Beobachte in diesem Moment deine Atmung. Kannst du sie wieder vertiefen und den Fokus weg vom Unwohlsein hin auf die Atmung lenken?
Wenn das nicht klappt und die Atmung immer mehr stockt, ist es an der Zeit, die Haltung entweder anzupassen oder zu verlassen.
Fazit zum Leistungsdruck beim Yoga
"Schwarze Ritter und Pandabären gibt's immer auf der Matte", meinte der Workshop-Leiter Maheshwara einmal, bei dem ich auf Biomechanik-Weiterbildung war. "Die schwarzen Ritter sind die, die erst glücklich sind, wenn sie über die Schmerzgrenze hinausgehen. Die Pandabären dagegen lieben es gemütlich und hören zu früh auf."
Wie bei so vielem gilt für mich hier: Es gibt Schwarz, Weiß und Graustufen. Das Ideal liegt dazwischen.
Leistung an sich ist nicht schlecht. Es wird nur dann zu einem Problem, wenn du deine Bedürfnisse ignorierst und dem Ego den Vortritt lässt.
Frag dich, was du mit genau dieser Haltung erreichen willst. Und falls sie sich nicht richtig anfühlt, ob es eine andere, zweckvollere Haltung gibt.
Sag dir, dass du gut genug bist und keine Anerkennung im Außen suchen musst.
Bleib bei dir und richte den Blick nach innen.
Und zieh deine Grenze zwischen Unwohlsein (= dranbleiben und atmen) und Schmerz (= aufhören).
Lesenswerte Gedanken zum Leistungsdruck bei Yoga findest du auch von Janna auf Fuckluckygohappy.
Wie geht's dir mit Leistung und Yoga? Wie ziehst du deine Grenze?
Auf der Matte nicht über seine Grenzen zu gehen und rechtzeitig aufzuhören, war eine harte, aber lehrreiche Lektion. Sämtliche Beschwerden sind deutlich besser, seitdem ich VOR dem Schmerz aufhöre. Sich auch gegenüber anderen abzugrenzen, bleibt schwierig. Ich sag nur: mit Freundinnen trainieren, Kinder, die drum herumturnen und sagen: du kannst das ja gar nicht, meine Mama kommt viel weiter runter als du!
🙂
Was sich auf der Matte lohnt, lohnt sich auch an der Wand. Wenn man sich aus seiner Komfortzone zwar raus wagt, aber nicht immer blind über seine Grenzen rüberstiefelt, bleibt man eindeutig länger gesünder und ist weniger frustiert, weil dann gar nichts mehr geht. Wie du schon sagst, es ist der berühmte Mittelweg. Gutes Training mit gerne mal Muskelkater, aber ohne dauerhaften Überlastungsschmerz ist das aktuelle Ziel!
Besser könnte ich es auch nicht schreiben 🙂 Und hey, bei so einem (gar nicht böse gemeinten) Kommentar ist es nicht leicht, sich überhaupt nicht davon beeindrucken zu lassen 🙂 Für das unstillbare Ego hilfreich finde ich den Gedanken „diese Haltung hier ist im Moment schwierig, meine Beine sind einfach verkürzt – dafür klappt es in einer anderen Haltung besser“.
Und ja, guter Punkt mit der Komfortzone. Rausgehen finde ich wichtig, aber immer mit Verstand und nicht ignorant. Das gibt einem der Körper früher oder später zurück. Und davon hat man gar nichts …
Dein Ziel klingt super. Viel Erfolg dir weiterhin!
Hey Steffi, ich finde euren Blog klasse. Ich denke nicht wenige haben Probleme die Balance zwischen Leistungsdruck und bei sich selbst bleiben zu finden, vor allem in der sportlichen Kombination von zwei so unterschiedlichen „Sportarten“. Yoga und Klettern funktioniert für mich super zusammen, aber meine Schulter macht immer mal wieder Probleme. Als ich eine Zeitlang den Hund in den Yoga Stunden weggelassen habe, ging es mir bedeutend besser. Ausprobieren und für sich den eigenen Weg finden ist wie immer die Devise. Ich finde es toll, dass du eine Plattform bietest, auf der Yogi-Kletterer sich austauschen können. Freue mich auf weitere Artikel und Input. Viele Grüße, Stefanie
Hi Stefanie,
danke dir für deinen Kommentar und dein Feedback! Ja, es ist so eine Gleichgewichtssache, die ich vor allem am Anfang auch nicht leicht fand. Vor allem in den Yoga-Stunden, wenn du siehst, was die anderen auch machen, ergibt sich oft ein Gruppenzwang. Bei manchen ehrgeizigen Teilnehmern habe ich oft das Gefühl, dass sie erst dann auf sich hören, wenn ich ihnen explizit sage, dass sie eine andere Variante X machen sollen, weil ich sehe, dass sie das Gesicht verziehen, aber trotzdem mitmachen wollen.
Beim Video-Training finde ich das bedeutend leichter, weil du da höchstens ins Vergleichen mit der Person auf dem Bildschirm kommst.
Guter Hinweis mit dem Hund. Ich lasse ihn morgens auch weg. Ich habe eine Zeit mal viel Yoga am Morgen mit Hilfe von Vinyasa-Videos gemacht. Leider ist da so ziemlich jede vierte Haltung der Hund! Und wenn das dann noch recht zügig gemacht wird, ist das für die Schulter echt nicht ohne. Habe ich dann selbst auch zu spüren bekommen und mache statt Hund entweder die Kindhaltung oder Katze-Kuh.
Hier zwei interessante Artikel in dem Zusammenhang, durch die mich da auch von anderer Seite sensibilisiert haben:
http://sequencewiz.org/2014/04/09/shoulder-problems-yoga/
–> Lass den Hund weg, wenn du Schulterprobleme hast, stärke deine Schultern langsam und nicht in einer einzigen Yoga-Einheit
http://sequencewiz.org/spotlight-on-a-pose-downward-facing-dog/
–> Erste Wirkung sollte die Streckung vom Rücken sein. d.h. lieber die Beine beugen statt dem Rücken.
Ich setze den Hund in meinen Stunden mittlerweile dosierter ein. Viele meiner Teilnehmer lieben ihn zum Neutralisieren und wenn der Körper schon aufgewärmt ist. Ich biete aber immer Alternativen zum Neutralisieren an, weil gerade nach z.B. einer intensiven Vorwärtsbeuge oder asymetrischen Haltung die Empfindung für jeden anders sein kann.
Viel Spaß dir weiterhin auf der Matte und gutes Gelingen beim Klettern. Liebe Grüße Stef 🙂