Kraft des Zustands
ClimbingFlex Ilustration

Die Kraft des Zustands

Stefanie | 4. Dezember 2014
6 Kommentare

Eine Situation, in der man sich etwas nervös fühlt und die man am liebsten auf Knopfdruck ändern würde – wer kennt das nicht? Meistens ist das in akuten Situationen gar nicht so leicht, zu sehr hängen wir dort drin. Was jedoch interessant ist und vielleicht mehr Einfluss hat, als wir denken, sind Antworten auf die Fragen: “Wie ist unser mentaler Zustand, wenn es gerade nicht brenzlig ist? Und wie können wir diesen im Alltag stärken?”

“Das Klettern ist ein Spiegel deiner Persönlichkeit. So wie du bist, so kletterst du”, hat einmal Carlos zu mir gesagt.

Ein Satz, dem ich voll zustimmen kann und den ich noch ergänzen möchte:

“So wie du bist und so wie es dir gerade geht, so kletterst du”.

Wenn wir die Kletterschuhe anziehen und loslegen wollen, können wir nicht einfach den Schalter um 180° drehen. Akute, mit Emotionen verbundene Ereignisse beeinflussen unsere Kletterei ebenso wie unsere persönlichen Tendenzen, die sich in (über-)vorsichtigen, leichtsinnigen, analytischen, kontrollierenden, konzentrierten und vielen weiteren Verhaltensweisen zeigen können.

Schauen wir uns in einem kurzen Abriss zwei Aspekte an, die mit dem inneren Zustand eng zusammenhängen.

"Der Kopf ist der wichtigste Muskel."

Ist es nicht faszinierend, wie Spitzensportler oder auch Personen auf einer Expedition diesem harten Druck standhalten, mit eisernem Willen dranbleiben und Bestleistungen zeigen?

Wolfgang Güllichs Aussage “Der Kopf ist der wichtigste Muskel” könnte den Einfluss des mentalen Zustands auf die Leistungen nicht besser beschreiben, denn wir können so viel trainieren, wie wir möchten – wenn der Kopf nicht mittrainiert wird, nützt uns das Training nicht viel.

Unsere Gedanken, Glaubenssätze, Energie, die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse, und unsere Fähigkeit zur Konzentration haben einen wichtigen Einfluss, was man beim Klettern sehr deutlich sieht. Wenn von diesen Faktoren ein Teil nicht stimmt, wird es viel schwieriger bis unmöglich, die Route zu schaffen – auch wenn wir körperlich dazu in der Lage sind.

 

120414_Daniel-Hoffmann-in-Jack-Hever_mini
Nerven behalten und dranbleiben! Daniel Hoffmann in Jack Hever 7a, Modrin, Tschechien

 

Zum Thema “Einstellung” habe ich in Arno Ilgners Buch “The Rock Warriors Way” einmal etwas gelesen, was mir sehr gut gefallen hat. Es lautete sinngemäß:

“Streich’ das Wort “versuchen” aus deinem Vokabular. Es ist ein Vorwand, um keine 100 Prozent zu geben. Sag lieber, dass du die Route klettern wirst und gehe mit dieser Einstellung an die Route heran.”

Starke Worte. Auch wenn es wie Wortspielerei aussieht: Ich bin fest davon überzeugt, dass Worte eine Wirkung auf unsere Energie haben, weil wir mit Worten immer etwas assoziieren. Und mit der Absicht, es bei einem halbherzigen Versuch zu belassen, bleibt es dann beim Klettern vielleicht tatsächlich dabei.

Die starke Wirkung des physischen Zustand

Weniger präsent als der Einfluss des mentalen Zustands, aber ebenso interessant ist die Tatsache, dass auch umgekehrt der physische Zustand auf den mentalen Zustand wirkt.

Die Atmung und die Körperhaltung haben, bewusst oder unbewusst, immer eine Wirkung auf den mentalen Zustand: Wenn wir flach atmen, krumm und auf einem Bein stehen, wenn die Schultern nach vorne fallen und der Blick gesenkt ist, werden wir uns anders fühlen, als wenn wir tief atmen, gerade stehen und die Brust herausstrecken.

Diese Wirkung hat die Sozialpsychologin Amy Cuddy in einem Experiment untersucht: Sie teilte eine Anzahl von Personen in zwei Gruppen auf, die jeweils zwei Minuten eine aufrechte und starke bzw. eine kleine und schwache Haltung einnehmen sollten. Im anschließenden Test schnitt, wie erwartet, die Gruppe mit der starken Haltung besser ab als die andere Gruppe. Was mich sehr erstaunte, war der Abstand der Ergebnisse: Die Gruppe mit der starken Haltung erzielte durchschnittlich 40% bessere Ergebnisse!

 

120414_Yoga-vertrauensvoller-Krieger_mini
Standhaltungen im Yoga helfen, das Bewusstsein für einen festen Stand und eine starke Haltung zu verbessern.

 

Einfach umzusetzende Ideen für einen starken inneren Zustand

Wie können wir nun einen starken inneren Zustand schaffen?

  1. Welche Gedanken und Glaubenssätze sind bei dir häufig präsent? Ersetze den Ausdruck “ich versuche es” lieber mit “ich mache es” oder einem anderen, für dich stärkeren, Ausdruck.
  2. Beobachte, welche Haltungen du unbewusst einnimmst. Wie gehst, stehst, sitzt du? Aufrecht, sicher, oder schief? Durch dieses Beobachten kannst du dir diese Haltungen bewusst machen und schauen, ob sich etwas verändert, wenn du bewusst starke Haltungen einnimmst.
  3. Vor allem wenn du eine Situation vor dir hast, in der du all deine Energie und Stärke brauchst und etwas erreichen möchtest, wirst du dich anders fühlen, wenn du zwei Minuten oder länger eine starke Haltung einnimmst. Nimm einen festen Stand ein, strecke das Brustbein leicht nach vorne, oder sitze aufrecht und beanspruche etwas mehr Platz für dich.
  4. Übe häufig Yoga-Sequenzen, die starke Standhaltungen, konzentrationsfördernde und öffnende Haltungen beinhalten. So prägt sich dieses Bewegungsmuster mehr und mehr im Körper ein.
  5. Deine Idee: …

Dieses Thema greift mein Buch “Das Yoga-3×3 für Kletterer” auf, das sich in die drei zentralen Bestandteile von Yoga-Übungen, Übungen zur progressiven Muskelentspannung und Atemübungen gliedert. Mit der Neuauflage bekommst du ein Buch voller Übungen und Ideen an die Hand, wie du deinen eigenen mentalen Zustand stärken kannst.

120414_Yoga-3x3-3-Bücher

 

Zusammengefasst

Ein starker innerer Zustand beginnt im Kopf.

Unsere Gedanken, Glaubenssätze, Energie, die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse, und unsere Fähigkeit zur Konzentration beeinflussen unsere körperliche Leistungsfähigkeit, und sollten daher ebenfalls “gepflegt” werden.

Die Atmung und die körperliche Haltung wirken ebenfalls auf den inneren Zustand. Ein starker innerer Zustand kann nicht geschaffen oder gehalten werden, wenn die körperliche Haltung einen schwachen inneren Zustand vorspielt.

 

120414_Das-Yoga-3x3-fuer-Kletterer-Flow_mini

 

 

Ähnliche Beiträge

6 Kommentare zu “Die Kraft des Zustands”

  1. Ich denke, dass der Kopf beim Klettern eine super wichtige Rolle spielt. Ich erfahre immer, wenn ich an einer schwierigen Stelle bin, dass er sagt greif die Expressschlinge oder ruf ZU!. Da hilft mir die bewusste Atmung.

    1. Stimmt, und es ist auch eine Gewohnheitssache, nicht sofort zu reagieren, sondern die Reaktion um z.B. zwei Atemzüge zu verschieben. Der Vorschlag kommt glaube ich auch aus dem Rock Warrior’s Way, fand ich sehr gut. Aber die regelmäßige Umsetzung braucht manchmal etwas Zeit 🙂

  2. Klettern ist Kopfsache! Wenn ich einen klaren Kopf habe, kann ich mich besser fokussieren und beim Klettern mein Bestes geben. Danke Stefanie für deine Ideen für einen starken inneren Zustand, die ich beim nächsten Training ausprobieren werde! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert