Klettern trotz Angst
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Klettern trotz Angst. Warum kletterst du eigentlich?

Carlos Fischer | 8. November 2015
48 Kommentare

Sturzangst, Höhenangst, weite Hakenabstände, unglaublich anstrengende Züge … jemand, der nicht klettert, schüttelt den Kopf, warum wir uns all das antun. Was macht das Klettern für uns Kletterer so besonders? Was mich dazu gebracht hat, mit dem Klettern anzufangen und was das Klettern für mich heute ausmacht.

Kennst du das? Du kletterst eine psychische Route, die viel Kraft und Ausdauer erfordert und noch Kopfsache ist. In dem Moment, in dem du nicht zu 100 Prozent präsent bist, schießt dir ein Gedanke durch den Kopf.

Warum zum Teufel tue ich mir das an? Warum gehe ich nicht einfach runter und gehe lieber ein Eis essen?

Genau das würden Leute denken, die sich mit dem Klettern nicht identifizieren. Das fragen dich Leute, die sehen, welche körperlichen und mentalen Anstrengungen zu sehen sind. Gute Frage, nicht wahr? Warum machen wir das Ganze eigentlich?

Wenn wir das wissen, können wir aus dem Klettern eine starke Motivation herausnehmen, die an der Wand einen Unterschied macht. Es ist der Unterschied, ob wir mit Entschlossenheit klettern oder nur halbherzig.

Was hat dich bewegt, zum ersten Mal klettern zu gehen?

Mich hat in Chile eine deutsche Freundin mal zum Bouldern mitgenommen. Ich habe dann ernsthaft angefangen, weil ich dadurch an Plätze kam, an die ich sonst nicht gekommen wäre. Sehr schöne Landschaften, einsam und abgelegen.

Ich bin vorher auch mit dem Rucksack gereist. Aber mit dem Klettern war es anders. Intensiver. Direkter Kontakt zur Natur.

Carlos-Roca-Oceanica
An der "Roca Oceanica" in Chile bin ich zum ersten Mal gebouldert. Diese Woche war ich wieder dort und habe gemerkt, dass es anders ist. Das Erdbeben und der Tsunami im August haben Felsbrocken näher herangeworfen. Damit ist die Traverse deutlich schwerer geworden, vor allem für Kletterer wie mich, die nicht so schmächtig sind.

Beim Klettern gibt es einen Punkt, der mir Angst macht. Wenn die Hakenabstände weit auseinander sind und ich mich verklettere, weil in der geraden Linie kaum Griffe sind. Das ist mir noch nicht so häufig passiert, aber es kommt vor. Dann den Kopf im Griff zu haben, ist eine Herausforderung.

Was hält dich beim Klettern?

Nido-de-Pajaros-Roca-Oceanica-Stefanie-Fischer
Stefanie bouldert die pumpige und überhängende Nido de Pájaros ("Vogelnest") an der Roca Oceanica aus. Als ich noch nicht so viel geklettert bin, habe ich die Route damals gefühlt 100 Mal probiert, bis es endlich geklappt hat. Die Route hat mir geholfen, einen Sprung in meinem bisherigen Schwierigkeitsgrad zu schaffen.

Trotzdem gibt es beim Klettern zwei Aspekte, die ich in keinem anderen Sport sehe, der mir gefällt.

Und: Ich finde es faszinierend, wie man sich als Person beim Klettern verändert. Es ist faszinierend, welches Potenzial im Klettern für einen steckt:

Unabhängig vom Schwierigkeitsgrad finde ich, dass jede Route etwas zum Lernen bereithält:

Und schließlich noch eine der schönsten Seiten am Klettern

Ich habe früher Leistungssport in der Leichtathletik gemacht und an vielen Wettkämpfen teilgenommen. Das hat mich gefordert und Spaß gemacht. Aber was es mir im Gegensatz zum Klettern nicht gegeben hat: Ein anderes Gefühl von Verbundenheit.

Ich glaube, dass Klettern und Bouldern gerade deswegen so verbinden, weil es keine Aktivitäten mit “Spaziergang-Charakter” sind. Weil es ein Teamsport ist. Man sichert oder wird gesichert. Man spottet oder wird gespottet. Man geht zusammen da durch.

Letztes Jahr waren wir in Rumänien beim Petzl RocTrip dabei. Diese Erfahrung war sehr besonders. Es waren so unterschiedliche Nationalitäten dabei, aus der ganzen Welt. Und trotzdem hat es sich so angefühlt, als ob sich alle schon lange kennen würden.

Das ist es, was das Klettern für mich so besonders macht. Zusammen. Nicht als Einzelkämpfer.

Mein Fazit zu meinem Warum

Klettern hat für jeden von uns eine eigene Motivation. Für manche Kletterer sind einfach nur dabei sein und der Spaßaspekt am wichtigsten, für andere der Schwierigkeitsgrad und Kraftaspekt, und für andere wieder andere Motive. Das ist auch gut so.

Ich glaube, das Wichtigste ist es, die eigene Motivation zu kennen. Sie treibt uns an und hilft uns, immer wieder zur Route zurückzukehren, auch wenn es gerade schwer ist.

Welche sind deine wichtigsten Gründe, warum du kletterst? Ich freue mich, von dir zu hören.

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48 Kommentare zu “Klettern trotz Angst. Warum kletterst du eigentlich?

    1. Aus vielen der genannten Gründe. Weil man sich selbst besiegt und weiterentwickelt, weil man ganz auf den Moment konzentriert ist und nur im Hier und Jetzt ist, weil man tolle Leute kennenlernt, weil man mit der Natur verbunden ist…

  1. Was für eine passende Frage 😉
    Tja, warum klettere ich? Weil ich es liebe, in der Natur zu sein und mich körperlich zu betätigen. Weil das Klettern eine mentale und körperliche Herausforderung darstellt. Weil ich dadurch viel über mich selber lerne (wo meine Grenzen und Schwächen liegen, aber auch, welche Stärken ich habe).

    Dennoch gibt es Tage, an denen ich wegen der Angst am liebsten alles hinschmeißen würde. Auch das ist ein Lernprozess, der sich auf das restliche Leben übertragen lässt. Die Ziele wieder kleiner zu stecken, geduldig mit sich zu sein, gut für sich zu sorgen.
    Trotz Angst: irgendwie komme ich vom Klettern nicht los 😉

    1. Jaaa, passend, liebe Nima 🙂 Angst muss aber nicht negativ sein. Je mehr man sie mit aller Macht loswerden will, desto eher bleibt sie. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Wie wäre es mit folgender Interpretation: Angst ist ein Zeichen, dass wir außerhalb der Komfortzone sind und größer werden. Wenn wir uns bequem fühlen, treten wir auf der Stelle.

  2. Es gibt so viele Gründe , die bessere Frage lautet warum klettert nicht jeder mensch ? Den es ist eine elementare und intensive ganzheitliche Entfaltung , die das Leben selbst perfekt verkörpert und fair spiegelt und endlose Sprungsbretter zur Lebendigkeit und Wachstum schafft . Leben bedeutet sich fühlen , sich bewegen und in der Interaktion mit der Umgebung verschmelzen . was kommt dem wohl am nächsten 🙂

  3. Mich hat das Kletterfieber gepackt, seitdem ich es ausprobiert habe und jahrelang nach einer Sportart gesucht habe, die mich nicht nach 1-2 Mal machen langweilt. Wie auch. Es ist so verdammt vielfältig und man wächst mit seinen Herausforderungen die man sich selber stellt. Nichts hat mich bisher so motiviert und mental aufgebaut wie Sportklettern. Und nach Niederschlägen ist es möglich sofort eine Wertung niedriger zu klettern und dann mit neuem Mut wieder etwas „schweres“ zu machen. Der Wechsel von der Halle auf den Fels jedes Jahr aufs Neue ist zwar hart, aber umso lieber ist mir das Klettern im Freien. Weil es befreit und keine „vorgeschriebenen Plastiknupsel“ gibt.
    Ich liebe klettern weil es anstrengend ist, aber Bock auf mehr macht. Weil ich über mich hinaus gehe ohne es zu müssen, sondern weil ich es will!

    1. Hallo Katharina: Ja, Langeweile gibt’s nicht 🙂 Mir geht’s mit Halle/Fels genau so. Drin mit Seil klettern mag ich nicht … auch wenn es für’s Training vorteilhaft ist. Ich war den Winter über in der Halle nur zum Bouldern und merke draußen dann, dass mir doch schnell die Puste bei langen, pumpigen Routen ausgeht. Aber genau das macht’s ja auch aus: Immer wieder einen Schritt weiter zu gehen.

  4. Zum klettern bin ich wie die jungfrau zum Kind gekommen. Aber mitlerweile ist es ein guter Sport für mich. Es hilft gegen meine rückenschmertzen und macht dazu noch Spaß. Mitlerweile ist es zu einer sucht gewurden (bin zwar gerade weng auf Entzug ) aber es ist das gefühll wen du wieder unten bist und du spürst das du was für dein Körper getan hast.

    1. Stimmt, Herwig Schmalengruber! Wenn der Kopf nach einem langen Tag dicht ist, hilft Klettern, alles wieder loszuwerden. Deutlich wirksamer als die Couch 🙂 Das gilt auch für die Rückenschmerzen, die aus Verspannungen resultieren. Durch den Krafteinsatz beim Klettern kann man einfach loslassen. Danke für’s Teilen!

  5. Ich klettere weil ich die Ruhe liebe ich arbeite im Büro und nutze es als Ausgleich zum stressigen Alltag es ist für mich das Gefühl frei zu sein die frische Luft, die Ruhe und der sportliche Ausgleich. Es ist für mich wie eine Sucht wenn ich längere Zeit nicht mehr klettern wahr fehlt mir etwas.

  6. Ich kletter wegen meiner Arthrose im sprunggelenk, dadurch ist es viel besser geworden 🙂 und weil es einfach Spaß macht und es eine herrausvorderung ist

  7. Hab erst letztes Jahr mit Klettern angefangen, bisher „nur“ Halle.
    Auslöser war mein Körper – bei keinem Sport bewege ich mehr Muskeln ohne dies gezielt zu steuern und der grösste Muskel ist eh im Kopf 😉 Bei mir spiegelt sich der Alltag an der Wand. Nehm ich mir zu „Großes“ vor schaltet mein Hirn schon mal auf „Panik“. Damit klettert sichs nicht – deswegen erst mal einfachere Wand oder Fallübungen.
    Dann komme ich in meinen Flow – und genau DAS macht das Klettern für mich aus!

  8. Eine Freundin hat mir heute diesen Text über das Klettern trotz Angst geschickt- genau mein Thema, schön geschrieben =) Lustiger Zufall. Ich bin in Chile durch Bolo/ Cristian aus Mulchen zum Klettern gekommen und er hat mir von eurer Yoga-Kletter-Geschichte in Dt. erzählt! Spannende Sachen macht ihr =) liebe Grüße, Lisa

    1. Hi Lisa, ja das ist doch ein schöner Zufall 😉
      Ich finde es toll dass der Bolo dich zum Klettern mitgenommen hat. Das ist ein toller Sport, wo bist du in Chile geklettert? In der Nähe von Mulchen war ich ein Mal mit Bolo in einem kleinen Klettergebiet.

  9. Ja, das ist die Frage, warum man klettert, weil es wirklich einfach total sinnlos ist. Man klettert ja nicht, weil man unbedingt da hoch muss. Es gibt viele Leute, die schwärmen: Beim Klettern wird der Kopf so frei. Ich denke, das ist ganz klar: Beim Klettern begibt man sich absichtlich in (gefühlte) Lebensgefahr. Der menschliche Körper ist nicht für die Vertikale designed. In der Vertikalen werden vom menschlichen Körper Warnsignale ausgesendet: Achtung Lebensgefahr. Durch das Adrenalin wird man gezwungen sich zu fokussieren -> der Kopf wird frei. Wenn man oben ist, ist man erleichtert, dass man nicht runtergefallen ist -> Euphorie. Beim Klettern geht´s zu 100 % ums Abstürzen, bzw ums Nichtabstürzen. Die ganze Ausrüstung, die man mit sich schleppt, soll verhindern, dass man auf dem Boden aufschlägt. So ist Klettern ein dekadenter Auswuchs der modernen, sich langweilenden Gesellschaft, die Urängste herauskitzeln will, in dem sich die Leute massenweise in Lebensgefahr begeben.

    1. Diese Meinung kann ich teilweise nachvollziehen. Müssen definitiv nicht. Es zwingt einen keiner. Lebensgefahr, naja. Kann man so oder so sehen, je nachdem wie hoch, wie schwer. Autofahren auf der Autobahn ist auch Lebensgefahr.
      Stimmt, für die Vertikale ist der menschliche Körper nicht gemacht, wobei das denke ich nicht schwarz-weiß sein muss. Wenn du mal kleine Kinder anschaust, sieht das ganz anders aus wie die klettern. Kurze Höhen und der Mensch sind wahrscheinlich doch kompatibel. Ich denke, mit der Zeit geht viel vom Körpergefühl verloren.
      Ja, die Euphorie ist da beim Ende der Route ohne Fallen oder das „geschafft“-Gefühl. Ich suche weniger diese Grenzerfahrungen, sondern eher die Routen, bei denen das nicht erst am Ende kommt, sondern vorher das Flow-Gefühl mit Fokus.
      Beim Klettern gibt’s unterschiedlichste Routen/Gebiete, bei vielem wie z.B. Alpen, Patagonien, Elbsandstein denke ich auch „sieht fantastisch aus, klettern muss ich das aber wirklich nicht“.
      Langeweile ist sicher da und auch die Schwierigkeit, diese auszuhalten. Dass diese das hauptsächliche Motiv fürs Klettern sein soll, bezweifle ich.

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