Klettern-Kritiker-besiegen
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Der innere Kritiker beim Klettern: wie du ihn abstellst

Nima Ashoff | 14. September 2018
2 Kommentare

Dieser nervige, innere Kritiker. Kennst du ihn auch? Diese innere Stimme, die ständig an dir herumkritisiert? „Den Zug bekommst du nicht hin!“, „Dafür bist du zu ungelenkig.“, „Das schaffst du nie!“, „Die anderen sind viel besser als du ...“.

Ich bin mit diesem inneren Kritiker bestens vertraut und das nicht nur beim Klettern. Auch in anderen Lebensbereichen versucht er gerne mal das Ruder an sich zu reißen.

Das Ergebnis ist, dass ich mich verunsichert und ängstlich fühle. Es ist vergleichbar damit, wenn jemand neben mir steht und mir laut zuruft „du kannst das nicht“. Der einzige Unterschied ist, dass diese Stimme aus mir selbst kommt und nicht von außen.

Kritiker in der Boulderhalle
In der Boulderhalle (hier im Steinbock mit chilligem Garten) meldet sich der Kritiker vielleicht auch, wenn er die Farbe von einem Boulderproblem sieht: "Waaas, rot?! Das ist viel zu schwer! Das können nur die, die 3 Mal pro Woche hier hart trainieren!"

Konstruktives Hinterfragen ja, Selbstzweifel nein

Sich kritisch zu hinterfragen, finde ich grundsätzlich gut. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, die eigenen Kletterfähigkeiten zu verbessern.

Wo liegen meine Stärken, wo meine Schwachstellen?

Das zu reflektieren, macht durchaus Sinn.

Was allerdings wenig Sinn macht, ist dich von vornherein klein zu halten. Bestimmt kannst du beim Klettern mehr, als du selber denkst. Dazu solltest du deinem inneren Kritiker jedoch keinen Glauben schenken.

Sein Ziel ist es unter anderem, dich vor einer emotionalen Enttäuschung, aber auch vor einer Verletzung zu schützen. Er meint es gut, schießt dabei aber über das Ziel hinaus.

Wie kannst du am besten mit dieser inneren Stimme umgehen?

Tipp 1: Identifiziere dich nicht mit dem Kritiker

Dies ist der wichtigste Punkt, wenn es darum geht, wie du Selbstzweifel überwinden kannst.

Dieser innere Kritiker bist nicht du. Es sind bloß Gedanken, so wie du täglich viele andere Gedanken denkst. Indem du dich nicht mit deinem inneren Kritiker identifizierst, schaffst du die notwendige Distanz.

Du kannst nun diese Gedanken beobachten und sie hinterfragen.

Ein Beispiel:

Dein innerer Kritiker sagt „diesen Zug schaffst du niemals“.

Nehmen wir an, er will dich davor schützen, dass du dich verletzt. Das ist grundsätzlich etwas Gutes und diese Absicht kannst du durchaus wertschätzen.

Nun hast du die Möglichkeit, ihm genau das gedanklich zu antworten. „Danke für deine Sorge, ich weiß sie zu schätzen. Ich passe jedoch gut auf mich auf und weiß, was ich mir zutrauen kann.“

Kritiker bei schwerer Route Socaire Route Mortero
Oh oh, der erste Zug wird schwierig... so ein Gedanke kommt unbewusst und zack, reagierst du. Das kann manchmal auch bei Routen-Mustern immer wieder kommen, zum Beispiel in Überhängen, bei weiten Hakenabständen, wo es viel Kraft braucht und so weiter. Die Kunst ist, sich diesen Gedanken gleich bewusst zu machen und sich zu distanzieren, bevor das Kopfkino losgeht.

Tipp 2: Mach den Kritiker zur Persönlichkeit

Eine andere Methode ist es, deinem inneren Kritiker eine Persönlichkeit zu verleihen und ihn – oder sie – dadurch greifbarer zu machen.

Ist es eine männliche oder eine weibliche Stimme? Gehört sie zu einer jungen oder alten Person? Wie sieht dein innerer Kritiker aus? Wie ein Mensch oder wie eine Fantasiefigur?

Kritiker Affe mit negativen Gedanken
Eine eigene Persönlichkeit für den Kritiker hilft, die Distanz zu schaffen. Wenn du willst, gib dem Kritiker noch eine übertriebene, ultra-nervige Stimme. Das zieht die Aussagen noch mehr ins Lächerliche.

Je genauer du ihn personifizierst, umso leichter kannst du mit diesem Bild arbeiten. Es kann sogar sein, dass du je nach Situation verschiedene Kritiker hast.

Wie sieht dein Kletter-Kritiker aus?

Meiner sieht aus wie ein kleines, dickes Rumpelstilzchen mit einem grantigen Gesichtsausdruck. Wenn er sich beim Klettern bemerkbar macht, spiele ich mit diesem Bild. Neulich habe ich ihm gedanklich Klebeband über den Mund gepappt und schon war Ruhe. Seine Äußerungen haben mich nicht mehr erreicht.

Alleine die Vorstellung an das wütende Rumpelstilzchen sorgt dafür, dass ich schmunzeln muss. Das nimmt ihm den Wind aus den Segeln und verschafft mir innere Ruhe.

Tipp 3: Nimm den Kritiker unter die Lupe

Welche Gedanken spuken dir beim Klettern durch den Kopf? Welche bremsen dich aus und lassen dich zweifeln? Es kann hilfreich sein, dir diese zu notieren, und dann bewusst zu hinterfragen.

Wenn du einen negativen Gedanken denken kannst, gibt es auch ein Gegenstück dazu.

Beides sind Geschichten, die du dir erzählst. Warum dann nicht die wählen, die dich beim Klettern unterstützen statt ausbremsen?

Fazit

Jeder, wirklich jeder von uns, hat mit diesem inneren Kritiker zu tun.

Es hilft nicht, ihn zu verteufeln, denn er erfüllt eine wichtige Funktion. Ob beim Klettern oder in anderen Lebensbereichen sollte er jedoch nicht den Ton angeben. Indem du dich nicht mit ihm identifizierst, legst du den wichtigsten Grundstein für einen erfolgreichen Umgang mit ihm.

Wenn du dem Kritiker eine Persönlichkeit gibst, kannst du die Distanz noch vergrößern. Wenn ein Gedanke immer wieder kommt, will er mehr Aufmerksamkeit. Dann hilft es, diesen Gedanken genau anzuschauen statt wegzuschieben.

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2 thoughts on “Der innere Kritiker beim Klettern: wie du ihn abstellst

    1. Hi Caroline, danke für deinen Kommentar dazu! Ich finde die Ideen auch sehr hilfreich. Von dem Punkt, sich zu distanzieren und sich die Stimme noch in seltsamen Tönen vorzustellen, habe ich auch schon gelesen. Ich habe das mal ausprobiert und fand es hilfreich. Im Alltag finde ich es schwierig, sich das immer wieder bewusst zu machen. Oft kommt doch der Autopilot!

      Da hilft es mir weiter, mir die Gedanken bewusst zu machen und es auch mal zu erlauben, dass es gerade so ist, anstatt dagegen anzukämpfen.

      Das mit dem Erlauben statt dagegen Anzukämpfen habe ich mal bei zenhabits gelesen, wo es um Spannungen gibt, die auch körperlich spürbar sind (z.B. Enge-Gefühle, Verspannungen in den Schultern). Das war für mich ein „aha“, dass es auch andere Sichtweisen gibt als die genervte Reaktion. 🙂

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