Das Lern-Mindset. Wie du entspannt bleibst, wenn alle anderen besser klettern
Stefanie | 21. August 2016
3 Kommentare
Deine Kletterpartner steigen die Route durch. Du hast große Mühe überhaupt bis zum dritten Haken zu kommen. Hand aufs Herz. Bleibst du völlig cool und hast trotzdem Spaß? Oder macht sich ein nagendes Gefühl breit? Das Lern-Mindset hilft dir, den Druck herauszunehmen.
Letzte Woche habe ich zum Thema Kletterer-Detox darüber geschrieben, was du dir beim Klettern nicht mehr antun solltest. Eins davon ist sich mit anderen zu vergleichen.
Leicht gesagt, schwieriger umgesetzt.
Vor allem, wenn du mit Kletterern unterwegs bist, die weit über deinem Schwierigkeitsgrad klettern. Das war bei mir der Fall, als ich mit dem Klettern angefangen habe. Die Kletterer, mit denen ich unterwegs war, sind damals 8er geklettert. Locker lässig. Während ich mich in 5ern abgemüht habe.
Am Anfang ist die Kluft natürlich groß. Aber auch, wenn du schon länger kletterst, kann es sein, dass deine Kletterpartner viel schwierigere Routen klettern. Wenn's dir so geht wie mir, möchte ich mit dir etwas teilen, was mir unglaublich viel gebracht hat:
Das Lern-Mindset. Um sich nicht von Frustgefühlen unterkriegen zu lassen, wenn bei dir weniger geht als bei den anderen. Um weiter Spaß zu haben und das Selbstvertrauen zu behalten.
4 Punkte sind wichtig, um im Lern-Mindset zu sein:
- Schmeiß das Ego weg und öffne dich fürs Lernen.
- Kletter mit Kletterpartnern, die Verständnis für dich haben.
- Frag nach Tipps.
- Erkenn die Grenze.
Lass uns anschauen, was das genau bedeutet.
#1 Schmeiß das Ego weg und öffne dich fürs Lernen.
Es ist oft da, will sich zeigen, bringt aber wenig: Unser Ego.
Wirf es weg. Mach dir klar, dass du eine klasse Person bist, auch wenn du nicht die Route schaffst, oder wenn du "nur" eine leichte Route kletterst. Und vor allem, mach dir klar, dass ein Schwierigkeitsgrad nur eine Orientierung ist.
Ich fand den Spruch von Dave Flanagan so klasse:
"You are not a number."

Mach dir klar, dass du am Lernen bist:
- Dazu gehört, einen Zug auszubouldern.
- Oder zu fallen.
- Einzusehen, dass im Moment gerade nichts geht, und dass du erst eine andere Technik oder mehr Kraft brauchst.
- Und zu erkennen, wo deine Komfortzone aufhört und Unbehagen, Nervosität und Angst einsetzen.
Durchsteigen ist super. Aber wenn du außerhalb deines jetzigen Schwierigkeitgrad kletterst, klappt's nicht gleich. Mach dir bewusst, dass du im Lernmodus bist und nicht im "Durchsteigmodus".
#2 Kletter mit Kletterpartnern, die Verständnis für dich haben.
Der erste Tipp bringt nichts, wenn du Kletterpartner hast, die zu sehr in ihrer Denke drin sind. Die nicht nachvollziehen können, dass du in der Route Schwierigkeiten hast, die sie spielend eingehängt haben. Die schon in anderen Sphären klettern und vielleicht andere Ambitionen haben.
Manche Kletterer haben damit kein Problem. Andere schon.
Wenn du merkst, dass du dich wegen deiner Kletterpartner unter Druck setzt und kein Spaß hast, lass es. Such dir Kletterpartner, die mehr Verständnis und Geduld mitbringen.
Es ist manchmal schwierig, zu entscheiden mit einer bestimmten Person nicht mehr klettern zu wollen (vor allem, wenn du niemand anderen hast). Aber es ist wichtiger, dass du deine volle Energie aufs Klettern richten kannst. Und nicht darauf, was dein Sicherungspartner jetzt wohl gerade denkt.
#3 Frag nach Tipps
Etwas, was wir viel zu wenig machen: Nach Tipps oder Feedback fragen.
Das funktioniert beim Bouldern besser, weil du beim Klettern irgendwann auf eine Höhe kommst, bei der dich der Sicherungspartner nicht mehr so genau sieht. Aber es geht auch.
Ich bin in der Boulderhalle immer wieder positiv überrascht. Andere nach Tipps fragen oder einfach nur, wie sie den Boulder finden, führt oft dazu, das Problem gemeinsam anzugehen und sich anzufeuern. Das hängt natürlich sehr von der Halle und von den Kletterern ab. Nicht jeder Kletterer mag das und klettert lieber für sich allein.
Warum ist es so wirkungsvoll für den Kopf, nach Tipps zu fragen?
Wenn du offen sagst, dass dir der Zug Schwierigkeiten macht und du nach Tipps fragst, bist du im Lernmodus. Dein Fokus liegt darauf, sich den Zug zu erarbeiten.
Und du machst das nicht nur mit dir selbst aus, sondern hast Unterstützung. Damit wirst du dich vielleicht mehr trauen als allein. Und ein anderer Kletterer hat immer eine andere Perspektive und sieht etwas, worauf du allein vielleicht nicht gekommen wärst.
Das ist eine komplett andere Situation, als mit der Erwartungshaltung "alle sind durchgestiegen, ich muss es doch auch können" zu klettern.
#4 Erkenn die Grenze
Manchmal bringen dich selbst die besten Tipps nicht dazu, in diesem Moment den Zug zu schaffen.
Und das ist okay.
Erkenn die Grenze zwischen Dranbleiben und wann heute nichts mehr geht. Zumindest bei diesem Zug.
Heute hat's nicht geklappt. Du bist aber trotzdem weitergekommen, weil du dich damit beschäftigt hast. Nächstes Mal wirst du wieder einen Schritt weiterkommen.
Das ist Lernen. Kein Quantensprung von heute auf morgen. Sondern schrittweise weiterkommen.
Wenn du dir das vor Augen hältst, kannst du "in Frieden" die Route hinter dir lassen. Und dann steig in eine Route ein, die dir leichter fällt. Auch wenn es dir zu leicht scheint - das ist wichtig, um den Fokus umzulenken. Auf das, was du schon kannst. So fütterst du dein Unterbewusstsein und Selbstvertrauen mit kleinen Erfolgen.
Fazit zum Lern-Mindset
Schwierigkeitsgrade sind eine Orientierung, um sich beim Klettern weiterzuentwickeln. Und um weiter zu lernen und zu wachsen. Aber reduzier dich nicht nur auf Schwierigkeitsgrade und darauf, es sofort zu schaffen.
Setz dich nicht unter Druck, wenn du siehst, dass andere Kletterer Routen spielend meistern, mit denen du deine Schwierigkeiten hast. Bleib im Lern-Modus und frag nach Feedback. Mach dir klar, dass manches heute geht, manches nicht. Auch wenn du den Zug nicht schaffst, kommst du wieder einen Schritt weiter. Vertrau auf deine eigenen Fähigkeiten und geh deinen Weg in deinem Tempo.
wow danke für #2 Kletter mit Kletterpartnern, die Verständnis für dich haben. -> ich hab mich erst vor einer Weile dafür entschieden mit einigen Leuten nicht mehr zu klettern – und immer wieder ein schlechtes Gewissen deswegen, noch dazu weil eine davon eine Freundin ist. Aber der Druck und das Unbehagen beim Klettern wurde unerträglich. Seitdem bin ich auf der Suche nach neuen Kletterpartnern, was garnicht so einfach ist. Und es ist wirklich ein komisches Gefühl wenn du dich mit wildfremden Leuten beim Sichern wohler fühlst als mit Leuten die du lange kennst.
Hi Ani, danke fürs Teilen! Und super, dass du die Entscheidung getroffen hast. Ich hatte das auch mal gemacht, fiel mir auch nicht leicht, weil ich zu der Zeit in Spanien war und außer den 2 keine anderen Kletterer kannte. Ich hab dann neue Kletterpartner kennengelernt, als ich öfters zum Bouldern bin. Find ich noch leichter, um ins Gespräch zu kommen, weil manche Kletter-Teams ganz konzentriert nur in ihrer Route sind und nichts anderes anschauen 😀 Ich drück dir die Daumen, dass du Kletterpartner findest, mit denen du wieder voll Spaß beim Klettern hast, auch mal Unbehagen offen zeigen und du selbst sein kannst.
Ich finde es wichtig, sich auch eine eigene Grenze zu setzen. Anderer Kletterer, die auch öfter klettern, haben manchmal ganz andere Bewegungen drauf als ein Kletterer, der nur alle paar Wochen mal klettern geht. Wenn diese Kletterer in deiner Gruppe harte Routen klettern und du willst das gleiche machen, kann das schnell ins Auge gehen. Gerade beim Bouldern kann man sich schnell verletzen, wenn man auf Teufel komm raus die gleichen Züge machen will (obwohl man körperlich dazu gerade nicht in der Lage ist).