Klettern im Sommer. Bouldern im Winter.
ClimbingFlex Ilustration

Klettern im Sommer & Moment der Wahrheit. Wie viel hat das Bouldern im Winter gebracht?

Stefanie | 7. August 2016
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Klettern im Sommer ist anders als im Winter. Für dich auch? Für mich definitiv. Und: Entweder beim ersten Mal draußen oder nach einer Zeit zeigt sich, wie sehr dich deine Kletterroutine im Winter auf den Sommer vorbereitet hat. Was bei mir gefehlt und welcher Aspekt mich beim Klettern unglaublich überrascht hat.

Kennst du dieses fiese Gefühl? Wenn du dir selber nicht mehr richtig traust, ob du den Griff halten kannst? Wenn du vielleicht sogar schon mal die Erfahrung gemacht hast, dass dir trotz Henkel und kurz vorm nächsten Haken die Hand aufgeht und du meterweit in die nächste Sicherung fällst?

Ich kenn’s. Vor allem, wenn ich mir die Sicherheit beim Klettern erst wieder aneignen muss. Und ich muss mich zusammenreißen, wenn ich merk, dass die Anzeichen von so einer Situation auftauchen.

Ich war diese Woche mit Carlos und unseren Freunden Andrés, Florence, Cristian und Vanessa unterwegs, die zu Besuch in Franken waren. Andrés ist ein Kletterer, dessen Kraft, Körperspannung und Effizienz ich klasse finde. Was bieten wir so einem Besuch an?

"La crème de la crème", meinte Florence.
Okay. „Wir fahren in ein echt schönes Gebiet mit tollen, langen Routen“, hat Carlos Andrés versprochen.

Zum Roten Fels. Falls du den Roten Fels nicht kennst: Bei Velden gelegen ist er bekannt für seine Sternchenrouten. Und dafür, mit die längsten Routen im Frankenjura zu haben.

Wir steuern gleich auf den Schaumschläger-Sektor zu.

Ob das eine gute Idee ist, gleich mit einer 35-Meter-Tour zu beginnen? Eine kürzere Route wäre mir lieber zum Einstieg ... aber egal. Ich wärme mich kurz auf und steige ein.
Gute Standpunkte suchen. Sicherungen einhängen. Klippen. Ich bleibe konzentriert.

Bis ich an einen Punkt komme, der mich aus dem Flow bringt.
Ein Zug, der normalerweise kein Problem ist.
Nur: Ich traue meinen Armen gerade nicht mehr. Die 30 Meter machen sich jetzt bemerkbar. Ich werde nervös. Das Kopfkino schaltet sich ein.
Wie ich in Patones, Spanien, mit einer pumpigen Route begonnen hatte, einen Meter nach einem Überhang klippen wollte und mir die Hand aufging.
Stopp! Atmen. Ich probiere Verenas Ankertechnik aus. Und bin überrascht, wie es zusammen mit der Atmung hilft, den Fokus umzulenken. Danke, Verena!!

Geflogen bin ich an dem Tag nicht. Aber gelassen bin ich auch nicht geblieben.

Die paar Mal, die ich diesen Sommer wieder draußen klettern war, bin ich kurze Routen bis 15 Meter geklettert. Definitiv nicht ausreichend für so eine 35-Meter-Route zum Einsteigen.

Wo Bouldern im Winter mir fürs Klettern im Sommer nicht geholfen hat. Und wo überraschenderweise schon.

Klettern im Sommer ist draußen einfach eine ganz andere Sache als das Klettern drin. Und als bouldern sowieso.

Ich ziehe an diesem Tag Bilanz:

Am Tag davor hat das Klettern an der grünen Hölle gepasst. Die 5 Tipps nach der Kletterpause haben geholfen.

Die Routen am Roten Fels sind aber eine andere Nummer.

Dafür war meine Ausdauer zu schwach. Das ist sicher auch jedem Kletterer klar, der mehr bouldert und dann wieder Seilklettern geht. Eine Überraschung ist es dann manchmal aber trotzdem.
Ohne Ausdauer-Sport hätte ich auch mehr mit der Ausdauer zu kämpfen, und die Route wäre mal gar nicht gegangen.
Aber meine Ausdauer hat eben nicht gereicht, um drei lange Routen ganz entspannt zu klettern. Das ist okay. Es hat mir gezeigt, dass ich daran arbeiten will.

Dann gibt es auch einen Punkt, der mich sehr überrascht hat.

Hier hat das Bouldern im Winter definitiv etwas verändert. Das hatte ich früher so nur gegen Mitte oder Ende einer Saison erlebt, als ich 4 Mal pro Woche draußen war.
Es war nicht so sehr die Kraft, obwohl die sich dank Klettertraining und pumpigen Problemen gemausert hat. Die Technik? Ja, ein bisschen. Aber nicht maßgeblich.

Es ist ... mit mehr Entschiedenheit und Dynamik zu klettern.
Für manch einen Kletterer (der keine Hemmungen beim Klettern kennt) kein großer Deal. Für mich ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Weil ich meistens technisch, aber statisch geklettert bin. Hochschnappen und dynamisch klettern hat mich früher Überwindung gekostet.
Durchs Bouldern habe ich das über Monate aufgenommen, so dass es normal geworden ist. So dass ich es beim Klettern mache, ohne nachzudenken.

Denk mal an eine Route zurück, die du beim ersten Mal eher vorsichtig bis zaghaft geklettert bist, und später mit Energie, Zuversicht und Selbstvertrauen. Ganz anders, oder??

Nicht nur, wie du die Bewegungen machst, sondern auch das Gefühl ist ein ganz anderes. Ich bin nicht gleich in den Schwierigkeitsgraden geklettert, die ich geklettert bin, als ich regelmäßig draußen war. Und? Aus der Komfortzone war ich trotzdem draußen. 🙂

Dave Flanagan trifft es im Artikel Ten Tips For Bouldering Indoors bei UKClimbing auf den Punkt:

Don't Worry About Grades
Every climber has different strengths and weaknesses and grades can’t possibly take them into account, treat them as rough guesses that give an approximate indication what problems you may be able for. Don't let them become the main focus of your climbing.
You are not a number.

Klasse, oder?
Versteh mich richtig. Ich bin kein Gegner von Schwierigkeitsgraden. Schwierigkeitsgrade sind für mich da, um mich beim Klettern weiterzuentwickeln, zu fordern und zu wachsen. Ohne Weiterkommen und Herausforderung kein Wachstum und kein Spaß. Aber ich definier das Klettern nicht darüber. Und mich selbst schon gar nicht.

Zurück zum dynamischen Klettern. Klappt das immer, wenn man durchweg bouldern geht? Nein. Kommt natürlich immer auf einen selbst an, was du brauchst, was bei dir gut funktioniert und was nicht. Und wie du bouldern gehst. Und mit wem, denke ich.

Was du machen kannst, um für den nächsten Sommer fit zu bleiben

#1: Mach eine bewusste Bestandsaufnahme.

Auch wenn wir noch lang nicht im Herbst sind, ist jetzt der richtige Moment, dich beim Klettern zu beobachten. Was hast du bei den ersten Routen draußen wahrgenommen? Und weil ein einziges Mal beobachten nicht reicht: Wie hat sich das an den darauffolgenden Klettertagen gezeigt?

Genauer gesagt:

Die Fragen hören sich etwas banal an.
Tatsächlich sind sie aber sehr wichtig. Denn ohne die Antworten hast du keine Klarheit, wo deine Stärken und Schwächen liegen. Und ohne Klarheit wirst du nie so effektiv dran arbeiten können, wie wenn du weißt, was Sache ist. Vorausgesetzt natürlich, du willst im Winter weiter klettern und nicht komplett pausieren.

Bei mir ist es auf jeden Fall die Ausdauer. Wobei ich nächstes Mal wahrscheinlich gleich früher rausfahren und mehr Routen klettern würde, weil ich in der Halle lieber bouldern als Seilklettern gehe. Wie sieht's bei dir aus?

Noch ein Tipp: Wenn es dir schwerfällt, das klar zu beantworten, gibt dir ein kurzes Video von dir beim Klettern interessante Einblicke. So siehst du dich aus einer anderen Perspektive und manches wird vielleicht klarer.

#2: Klettertraining

Training war früher nicht mein Fall, darüber habe ich hier schon mal geschrieben. Heute denke ich, dass wir uns viele Möglichkeiten nehmen, wenn wir das außer Acht lassen.

Im Gegensatz zu reinem Spaß-Klettern ist ein Klettertraining für mich da, um gezielt an etwas zu arbeiten. Und um weiterzukommen statt einzurosten.
Was nicht gleichbedeutend ist mit verbissenem Klettern bis zum Umfallen, keine Zeit mehr für was Anderes etc. Nein.
Für mich heißt es, regelmäßig und mit einem Fokus an die Wand zu gehen. Ohne Regelmäßigkeit wird dein Körper Schwierigkeiten haben, die Informationen abzuspeichern. Und wenn der Fokus fehlt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, immer dasselbe zu klettern bzw. das, was in der momentanen Komfortzone liegt.

Klappt Klettertraining beim Bouldern oder beim Seilklettern besser? Ich glaube, es kommt auf das Wie an. Darauf, dass du wie unter #1 Klarheit schaffst und dann regelmäßig daran arbeitest. Wenn zum Beispiel beim Seilklettern die Routen oft ähnlich sind, hilft ein ergänzendes Training mit Sicherheit. Genauso, wie ein ergänzendes Ausdauer-Training beim Bouldern hilft, wenn das dein Fokus ist.

#3: Yoga

Logo. Deshalb gibt’s ClimbingFlex. Weil ich darauf schwöre, dass Yoga dir fürs Klettern so unglaublich viel bringt, wenn du deinem Körper und Kopf das gibst, was du brauchst.

Wichtig ist wie beim Klettertraining, dass du es regelmäßig machst. Und dann kommt’s natürlich drauf an, was du machst und wie du es machst. Garantien gibt’s natürlich nicht. Insgesamt wirst du aber immer einen Gewinn haben. Da bin ich mir sicher.

Mir persönlich hat das Plus an Beweglichkeit viel gebracht, vor allem aber auch das Mehr an Körperspannung und Durchhaltevermögen.

Tipp zur Umsetzung, falls du es noch nicht regelmäßig machst:

Fazit

Bouldern im Winter heißt nicht automatisch wieder ganz von vorne anfangen bei Klettern im Sommer. Die Ausdauer, den Fels wieder lesen, einen kühlen Kopf bei den Hakenabständen bewahren sind Punkte, die aus meiner Sicht zwar beim Bouldern zu kurz kommen.

Andererseits kannst du mit dem Bouldern gezielt an etwas arbeiten, was dir fürs Klettern viel bringt. Das geht sicher auch beim Seilklettern. Beim Bouldern denke ich aber, dass die Probleme vielfältiger sind. Mir hat das Bouldern jedenfalls in Bezug auf dynamisches Klettern einen Unterschied gebracht, der für mich sehr wichtig ist.

Unterm Strich kommt es drauf an, wo du deine Stärken und Schwächen siehst und wie du daran arbeiten möchtest.

Falls du diese Saison wieder draußen geklettert bist: Ging’s dir ähnlich? Welche Tipps kannst du hinzufügen?

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