Roca Oceanica, Chile, klettern
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Leistung beim Klettern. Wo ist die Grenze?

Stefanie | 9. Oktober 2019
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Was denkst du, wenn du an Leistung beim Klettern denkst? Stellen sich dir die Nackenhaare auf? Oder denkst du "ist doch nichts Schlechtes"? Ein paar Gedanken zu Leistung beim Klettern, wo für mich die Grenze ist und was das Klettern für mich ausmacht.

Der Aufhänger zu diesem spannenden Thema waren ein interessanter Mail-Austausch mit Matthias, der bei uns Yoga macht, und der Artikel Leben und leben lassen. Auch Schwächere. von Erika auf ulligunde.com.

Neben dem "Jedem das Seine" trifft der Artikel den Punkt sehr schön, dass es beim Klettern und Touren zuerst um das Erlebnis geht. Das "wie" ist zweitrangig.

Beim Schreiben mit Matthias und dann verstärkt beim Lesen habe ich mich gefragt:

Was ich über die Leistung beim Klettern denke

Mit dem jetzigen Lebensstil, denke ich, dass der Leistungsgedanke auch beim Klettern stärker präsent ist.

Ich sehe es etwas gespalten, weil es schnell in Extreme rutscht.

Die eine Seite der Leistung: höher, schneller, besser

Das Positive zuerst. Es klingt seltsam, aber Leistung im Sinne von "höher, schneller, besser" hat auch sinnvolle Aspekte, meine ich.

Ich sehe es dann positiv, wenn die Leistung nicht zum Selbstzweck wird, sondern ein Instrument für den einzelnen Kletterer, um persönlich zu wachsen.

Das eigentliche Motiv hinter dem "höher, schneller, besser" im Klettern, findet nur leider nicht genug Platz in der Szene, finde ich.

Wie oft liest du, wer welchen Grad und wo geschafft hat?

Kletterzeitschriften sind voll davon. Zumindest nehme ich das so wahr.

Klar, die Reaktion kann lauten "Hey super! Freut mich voll für ihn/sie. Ein Durchbruch. Es geht mehr, als die meisten denken. Das kann ich auch für mich anwenden."

Beim Schreiben merke ich gerade, dass die Interpretation mir gefällt. 🙂 Auch wenn ein Durchbruch von einem Kletterfreund ein größerer Ansporn ist, abgesehen davon, dass es Spaß macht, das zusammen zu feiern.

dani-klettern-frankenjura
Unser Freund Dani in einem langen Zug mit Sloper, bei dem sogar er sich ordentlich strecken muss. Zusammen Erfolge zu feiern gehört für mich beim Klettern und Bouldern dazu. Dazu gehört auch, den eigenen Erfolg anzuerkennen statt zu sagen "war ja nichts Besonderes".

Meine eigentliche Reaktion auf "Durchbruchs-Nachrichten" lautet momentan aber anders, nämlich eher so:

"Okay ... das ist jetzt die x-te Nachricht darüber. Warum wird immer nur über den Grad berichtet und nicht auch darüber, was der Kletterer dabei erfahren hat? Wie lange er trainiert hat, wie die Schwierigkeiten waren? Was hat ihn dabei bewegt?"

Die andere Seite: "Ich mache nur das, was in meiner Reichweite ist"

Das andere Extrem ist "Kuschelklettern" für mich: Nur das zu klettern, was auf jeden Fall klappt. Bloß nichts, was unbequem werden könnte.

Nichts gegen Genussrouten! Gerade im Urlaub suche ich mir lieber solche Routen anstatt eine Route, bei der ich von vorneherein weiß, dass ich mehr Zeit (und Nerven) brauche.

Socaire Route Mortero klettern
"Mortero", Nord-Chile: Definitiv keine Genussroute!! Angeblich ist ein Griff aus der Route abgebrochen, was den Einstieg schwerer macht. Auch wenn es nicht auf fast 4000 Metern wäre, wäre der Einstieg nicht leicht. So war ich schon fix und fertig, als ich beim ersten Haken geklippt habe.

Beim "Heimat-Klettern" ist das anders.

Die schönsten Erlebnisse sind die, für die ich mich etwas strecken muss. Die nicht einfach so nebenbei klappen.

Weil ich eben gerade nicht nur das machen will, was bequem in meiner Reichweite ist.

Das kann für jeden komplett anders aussehen. Was für den einen "bequem" ist, ist für den anderen eine große Herausforderung. Für den einen sind der Vorstieg und Stürzen kein Problem, für den anderen schon. Leben und leben lassen. Wenn einer nachsteigen will, warum nicht? Seine Sache, oder?

Wo ist die Grenze?

Die Grenze zur Leistung ist für mich dann überschritten, wenn "höher, schneller, besser" zum wichtigsten Kriterium wird.

Leistung vs. Erlebnis beim Klettern Analyse nach dem Sturz
Der Sturz ist erstmal neutral. Die Interpretation macht aber einen Unterschied. Du kannst den Sturz interpretieren als "Route nicht geschafft". Oder als "am Limit knacken". Was hilft mehr?

Wichtiger als das eigentliche Erlebnis.

Und wichtiger als die Gesundheit. Ist es eine Route wirklich wert, die Bedürfnisse vom Körper zu ignorieren, bis eine Verletzung zum Aufhören zwingt? Ich glaube nicht.

Die Grenze ist für mich auch dann ganz klar überschritten, wenn es dazu führt, den eigenen Maßstab auf andere zu übertragen und deren Kletter-Erlebnis zu schmälern.

Was macht das Klettern überhaupt aus?

Neben dem Faktor Natur und den Moment voll wahrnehmen gehört für mich „Weiterkommen“ beim Klettern definitiv dazu (genau wie im ganzen Leben).

Kann man als Leistung interpretieren. Tue ich nicht unbedingt. Weiterkommen ist für mich mehr im Sinne von etwas Neues lernen.

Das kann in höheren Schwierigkeitsgraden passieren. Das kann beim Durchstieg passieren, muss aber nicht. Auch bei einem Sturz und der Überwindung, weiterzumachen, lerne ich eine Menge.

Oder im gleichen (oder niedrigeren) Grad in einem anderen Gebiet oder anderer Felsstruktur.

Als wir dieses Jahr in La Pedriza klettern waren, war selbst eine der "einfachen" Route im fünften Grad eine Herausforderung! Und das war okay. Es geht ja nicht um den Grad selbst, sondern um eine Orientierung in dem Gebiet.

reibungsklettern pedriza
La Pedriza = Wadenkrampf-Alarm! Klettern am zweiten Tag. Der Kopf ist immer noch die größere Herausforderung. Jeder Moment fühlt sich so an, als ob ich gleich abrutsche. Es fühlt sich an, als ob ich das Klettern wieder neu lerne und hat mit dem "normalen" Klettern fast gar nichts zu tun.

Etwas Neues lernen bedeutet, an die bisherige Grenze zu kommen, das Unbekannte zu ertasten und voll präsent zu sein statt auf Autopilot.

Das Präsent sein finde ich im Alltag manchmal sehr schwierig.

Wie oft sind wir mit den Gedanken ganz woanders, als genau im Jetzt?

Deswegen finde ich es so wichtig, immer wieder die Konzentration zu verbessern. Ein wichtiger Punkt, den wir mit Yoga wunderbar üben und stärken können. Yoga ist aber mehr als Konzentration.

Wenn du Yoga machst: Wie hat sich das Klettern für dich verändert?

Für mich wurde das Klettern fließender. Wie eine Art Tanz am Fels, der natürlich trotzdem seine Anstrengung hat. Eine meiner schönsten Erfahrungen, die Yoga mir beim Klettern gegeben hat, ist die, wie viel mehr Spaß es macht, mit Leichtigkeit zu klettern statt nur mit Kraft, Steifheit und Schweiß.

Für mich geht's um den Flow beim Klettern, sich selbst mehr zu trauen und gleichzeitig die eigene körperliche Grenze zu kennen, statt sich kaputt zu klettern.

Fazit

Die Haltung zur Leistung beim Klettern muss jeder für sich selbst definieren und selbst leben.

Weil es so eine persönliche Sache ist, ist es wichtig, bei sich selbst zu bleiben, anstatt die eigene Haltung auf andere zu übertragen und sie zu belächeln oder umgekehrt zu verteufeln.

Schade wird es, wenn das Erlebnis (oder noch schlimmer der eigene Wert) auf die Leistung eingeschränkt wird.

Matthias hat zum Schluss in der Mail geschrieben:

"Die Frage ist: wo „wächst“ man mehr. Bei der körperlichen Leistung oder bei der geistigen Haltung?"

Ein schöner Gedanke, finde ich. Die geistige Haltung spielt für mich die Hauptrolle. Gleichzeitig finde ich es faszinierend, wie sehr wir unsere Haltung durch körperliche Herausforderungen stärken können, wenn wir es uns erlauben.

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