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Reibungsklettern bei La Pedriza: Wie ich meine Angst in Griff bekam

Stefanie | 15. Mai 2017
2 Kommentare

Reibungsklettern. Hört sich nicht so schlimm an, stimmt's? Bei weitem nicht so wie es sich anfühlt, finde ich. Und trotzdem war das Klettern in dem bezaubernden Spot La Pedriza in Spanien eine Verwandlung. Nicht, weil ich keine Angst hatte. Sondern weil ich sie und meinen Kopf in Griff bekam.

Warst du schon mal Reibungsklettern?

Falls nein, stell dir Klettern an einer (mehr oder auch weniger) geneigten Raufasertapete vor.

Es kommt dir ungefähr so vor:

So habe ich es zumindest wieder erlebt, als wir vor kurzem bei La Pedriza waren.

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Unser Freund Luis schleicht voran. Hier siehst du, wie niedrig er seinen Fuß ansetzt, um weiterzugehen. Wenn du den Fuß nämlich zu hoch ansetzt, rutscht der Fuß sofort ab, weil du das Gewicht nicht darauf verlagern kannst.

Dieser Gefühl-Mix ist unglaublich stark, wenn du zum ersten Mal überhaupt oder nach längerer Zeit wieder zum Reibungsklettern kommst.

Wenn sich die Übung eingestellt hat, nimmt die Intensität natürlich ab. Ein tolles Erlebnis ist es trotzdem.

Reibungsklettern ist anders.

Carlos und ich sind das Klettern im Frankenjura gewöhnt und lieben es.

Die herrlichen Löcher und Henkel im Fels. Das Eindrehen. Schöne Bewegungszüge.

Wir waren erst letzte Woche wieder an der Leupoldsteiner Wand und haben gemerkt, was das Klettern bei der Pedriza für ein Gegensatz ist.

Was beim Klettern an anderen Felsen unabdingbar ist, interessiert bei der Pedriza in 90 Prozent aller Routen überhaupt nicht: Kraft.

Falls du also denkst, dass Kraft für dich eine große Herausforderung ist, komm zur Pedriza. 🙂

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La Pedriza ist ein großes Klettergebiet mit 25 Sektoren. Auch wenn die Kletterei dort "speziell" und vielleicht nicht dein Ding ist, der Ort an sich ist unglaublich faszinierend. Falls du also mal in Madrid bist, fahr unbedingt hin.

Hier brauchst du vor allem diese Komponenten zum Klettern:

  1. Füße
  2. Gleichgewicht
  3. leichte Körperspannung
  4. Meditative Ruhe

Diese Komponenten helfen natürlich auch allgemein beim Klettern.

Trotzdem rächt es sich in diesen Routen nicht so sehr wie beim Reibungsklettern, wenn du deine Füße nicht präzise einsetzt.

Die Schritte sind kleiner. Die Bewegungszüge sind statischer als sonst, ohne jedoch lange stehen zu bleiben.

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Hier noch einmal Luis aus der Nähe, diesmal an einer Stelle mit mehr Neigung. Da kommt mehr Vertrauen auf als an den steilen Stellen. Es bleibt trotzdem Kopfsache. 🙂

Wie behalte ich bloß einen kühlen Kopf?

Das Gedankenkarussel nimmt bei mir volle Fahrt auf. Schon beim ersten Zug in der ersten Route.

Wie bitte bin ich damals hier geklettert?!

Als ich in 2008 für sechs Monate in Madrid war, war ich öfter hier, wenn auch im Winter. Da war der Gripp besser.

Aber so viel anders war es nicht als jetzt ... und es hat irgendwie geklappt. Auch wenn ich damals oft im Top geklettert bin.

Auch im Top ist die Anspannung da.

Auch wenn ich die ersten zwei Tage das Vorsteigen sein lasse und mich so nicht auf das Einhängen konzentrieren muss, merke ich die Nervosität.

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Der erste Zug ist weit und gar nicht so leicht. Hier gibt's aber tatsächlich mal was, um sich festzuhalten! Trotzdem steh ich hier sehr wackelig auf den Füßen ...

Ich traue meinen Füßen und Händen nicht. Vor allem, weil der Einstieg das eigentlich Schwierige ist und ich hier drei Versuche brauche.

An den ersten zwei Tagen klettern wir nicht so viel, weil wir vormittags Yoga-Videos aufnehmen, die viel Ausdauer, Konzentration und Willenskraft beim längeren Halten von anstrengenden Haltungen fordern.

Bretthaltung Yoga Pedriza
Die Kulisse ist eindrucksvoll und passt mit der Kletterei voll zum Thema für die zweite Yoga-Roadmap "dranbleiben, wenn's unangenehm wird". An diesem Freitag hatten wir einen zweiten Yoga-Block nach dem Klettern eingelegt. Ich war fix und fertig!:-)

 

Pedriza Light am Sektor "Gusarapo" - der beste Einstieg

Am Wochenende ist Carlos dann auf dem WordCamp, und unser Freund Luis und ich ziehen alleine los.

Mir fällt ein Stein vom Herzen, als ich sehe, dass Luis mit Gusarapo einen Anfänger-Sektor herausgesucht hast, der "nicht sehr repräsentativ für die Pedriza ist", wie er meint.

Neben ein bisschen Reibungskletterei gibt's auch Risse, Kanten und ein paar Löcher.

Mir völlig egal, ob die Routen repräsentativ für die wunderschöne Pedriza sind oder nicht. Ich bin erleichtert, dass es nicht nur 2-Millimeter-Griffe und -Tritte gibt.

Wenn du bei der Pedriza klettern und dich nicht gleich der "Psycho-Kletterei" aussetzen willst, komm unbedingt hier zu diesem Sektor.

"Willst du jetzt vorsteigen?"

Luis schaut mich fragend an.

Bei dieser Pedriza-Light-Version mit vielen Zwischensicherungen auf jeden Fall.

Das Vorsteigen hilft mir hier sicher, die Angst von gestern und vorgestern zu verdauen.

Ich will hier nicht in die Tiefe abdriften, das eigentliche Schlüssel- und Schockerlebnis hatte ich nämlich erst am nächsten Tag.

Nur so viel: Auch wenn ich einmal mit dem linken Fuß abgerutscht bin, hat es mir richtig gut getan, weil ich wieder die Vertrauensbasis gefunden habe. Mein Erfolgserlebnis war der Überhang, am Ende in der vorletzten Route. Ich war sehr skeptisch, und beim Drüberklettern erstaunt, wie leicht er mir gefallen war.

Ohne das Klettern bei "Pedriza Light" wäre ich am nächsten Tag im Sektor "Euro" wahrscheinlich komplett verzweifelt.

Reibungsklettern & meterlange Hakenabstände: Psycho-Kombi

Wenn ich dir noch einen praktischen Tipp geben könnte, wäre es dieser hier:

Trinke vor dem Klettern keinen Espresso. Lieber Kamillentee (oder was auch sonst beruhigend wirkt).

Nach spanischer Gewohnheit haben wir uns vor dem Klettern nochmal gestärkt. Mit Churros, Luis mit einem Milchkaffee und ich mit einem Café Sólo (Espresso).

In der ersten Route grummelt mein Magen und mir wird fast schlecht. Luis hat versehentlich eine 6b+ ausgesucht und hat mir verlegen empfohlen, die Route lieber nachzusteigen. Wenn er das schon sagt, auf jeden Fall!

Und die hat es echt in sich. Als ich irgendwann endlich oben ankomme, bin ich leicht fertig.

Mein Schlüsselerlebnis: Face the fear and do it anyway

Die nächste Route ist ein Erlebnis wie kein Anderes zuvor bei der Pedriza.

Das Seil hängt bis in der zweiten Expressschlinge drin. Danach steige ich vor.

Kurz nach der Sicherung gibt's mal wieder ... nichts. Oder "sehr gute kleine Körnchen", wie Luis sagt.

Mir zittern die Beine, mein Puls rast. Ich fühle mich plötzlich stocksteif und verkrampft. Das hätte ich auch schon ohne Espresso gehabt ...

"Ich habe Angst!!!"

Was Luis dann zu mir sagt, ist ein wertvoller Tipp, der mir endlich hilft, mich wieder in Griff zu kriegen.

"Du kannst es. Es ist wie ein Tanz. Bleib im Rhythmus. Atme mit der Bewegung. Atme aus, wenn du weiter nach oben gehst. Ausatmen, weiter."

Es funktioniert.

Ausatmen, weiter.

Mir fällt auf, dass ich meine Atmung immer mehr zur Yoga-Atmung wird. Langsam. Gleichmäßig. Voller.

Normalerweise atme ich beim Klettern nicht so, sondern schneller. Hier bringt Schnelligkeit aber nichts.

Langsam kommt das Vertrauen.

Dann komme ich zu einem großen Riss. Jaaaa!!! Ich könnte schreien vor Erleichterung.

Kennst du das? Diesen herrlichen Griff, an dem du zu lange verweilst und dann nicht mehr weg willst?

So geht's mir gerade. Aber es hilft nichts. Zurück zu den Mini-Griffchen.

Die Sache ist nur, dass nach dem Riss die Hakenabstände immer weiter werden.

Vorher waren es etwas mehr als 2 Meter. Jetzt werden es 3 Meter und schließlich das letzte Stück bestimmt 5 Meter.

Klar, der Teil ist leicht, weil die Platte immer geneigter ist. Aber trotzdem, es gibt nur Körnchen.

Die Anspannung ist immer noch da. Aber ich lasse mich davon nicht blockieren, sondern mache weiter.

Nima hat einmal zwei Sätze zum Thema Angst geschrieben, die ich klasse finde und die auch in dieser Situation zutreffen.

#1: "Face the fear and do it anyway."

Die Angst ist da, du kannst sie dir nicht weg-/schönreden.

Es geht darum, sich nicht von ihr aufhalten zu lassen. Mach's trotzdem.

Mir hat es beim Einstieg sehr geholfen, die Angst offen einzugestehen. Dann war sie nicht komplett weg. Aber ich habe mich etwas leichter gefühlt.

Auf rein physiologischer Ebene hat mir das Ausatmen geholfen, die Anspannung rauszulassen und die Muskeln mehr zu entspannen. Das ist ein Punkt, den die meisten Kletterer (auch ich immer wieder) weit unterschätzen.

Wie du atmest, verändert dein Nervensystem, deinen Kopf und wie gut du deinen Körper beim Klettern einsetzen kannst.

reibungsklettern pedriza
Erinnerung an das Klettern am ersten Tag: Unbeholfen und naja, nicht wirklich elegant. 🙂 Am dritten und vierten Tag habe ich endlich meinen Füßen und Händen getraut. Das Klettern hier war für mich wieder ein Beweis, dass wir die Grenze des Machbaren oft nicht so starr ist, wie wir denken.

An den genauen Wortlaut vom zweiten Satz erinnere ich mich gerade nicht, sinngemäß lautet er so:

#2: "Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Sondern sie zu haben und sich trotzdem zu überwinden."

Die Quintessenz geht in die gleiche Richtung. Worauf ich hinaus will ist ein bestimmter Punkt.

Oft denken wir, dass Angst, Nervosität etc. schlecht sind und dass wir sie in diesem Moment nicht haben wollen, oder?

Klar fühlt es sich besser an, keine Angst zu haben und einfach drauf loszuklettern.

Aber das eigentliche Geschenk ist die Überwindung.

Dieser Überwindungsmuskel wird jedes Mal gestärkt, wenn du etwas machst, das unbequem ist oder dir Angst macht.

Je öfter du das machst, desto mehr weitest du deine Komfortzone aus.

Wenn du nur das Bekannte machst, vor dem du keine Angst hast, bleibst du in der Box.

Das heißt nicht, dass wir keine Sachen mehr machen dürfen, die einfach Spaß machen.

Es geht darum, die Angst wahrzunehmen und das negative Gefühl in eine hilfreiche Ressource umzuwandeln.

"Reiß dich nochmal zusammen ..."

An dem Tag habe ich zum Schluss noch eine lange 6a+ gemacht. Wieder lange Hakenabstände. Wieder schaltet sich mein innerer Dialog ein.

Und es hat geklappt. Dank Atmung.

Danach war ich aber wirklich reif fürs Essen und vor allem für ein kühles Bier zum Feiern!

Fazit

Dieses Gefühl, an der besagten Raufasertapete zu klettern, war für mich wie eine Schocktherapie. Manchmal habe ich beim Klettern Bammel oder bin nervös. Diesmal hatte ich aber richtig Angst.

Das Reibungsklettern ist eine sehr gute Schule. Um den Kopf und das Gedankenkarussel wieder in den Griff zu bekommen. Und um das Anstehen zu präzisieren und Griffe wieder schätzen zu lernen. 🙂

Klettertechniken helfen definitiv fürs Reibungsklettern und Klettern natürlich allgemein. Deswegen finde ich das Klettertraining und körperliche Yoga-Training so wichtig. Das beste Kopftraining funktioniert nicht, wenn dein Körperbewusstsein nicht ausgeprägt ist und du die Klettertechniken oder Kraft nicht abrufen kannst.

Die Atmung und der Kopf sind zwei starke Komponenten, die wir dagegen weniger sehen und oft vergessen.

Wie konditionierst du dich sonst? Wie hoch ist dein Stresslevel? Wie schnell kannst du abschalten? Wie wirksam kannst du Verspannungen aus deinen Muskeln loswerden?

Je mehr du das auch in deinem Leben außerhalb der Wand konditionierst, desto mehr Spaß wirst du beim Klettern außerhalb deiner Komfortzone haben.

Ich könnte noch ewig weiterschreiben! 🙂 Ich mache hier aber mal einen Punkt und freue mich, wenn du von deiner Erfahrung berichtest. Warst du schonmal Reibungsklettern? Oder hattest du ein Erlebnis, bei der sich dein Kopf eingeschaltet hat, du aber trotzdem weitergemacht hast?

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2 Kommentare zu “Reibungsklettern bei La Pedriza: Wie ich meine Angst in Griff bekam

  1. Angst überwinden, gut atmen etc., schön und recht. Was aber, wenn ich 3 oder 4 Meter über dem letzten Haken trotzdem abschmirgle? Gerade gestern war ich an der Sandbalm im Gotthardgebiet und habe mir Gedanken zum Sturztraining auf Reibungsplatten gemacht. Meine Lösung ist denkbar einfach: „Nicht stürzen!“. Was aber wenn doch? Im Internet finden sich viele Artikel übers Stürzen und Sturztraining, aber keine über das Stürzen auf Reibungsplatten, wo doch gerade dort die Konsequenzen bestimmt drastisch sein müssen, weil Hakenabstände von 5m eher die Regel als die Ausnahme sind.
    Hast Du einen Rat, wie man dort einen Sturz möglichst schadlos übersteht?

    1. Hi Robi, ja, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Die Abstände sind nicht ohne, finde ich.
      Ich selbst bin auf Reibungsplatten nie mehrere Meter gestürzt. Ich habe einmal Luis beobachtet, wie er gestürzt ist. Er ist schnell nac hinten zurückgelaufen. Es ist komplett anders als bei steilen Wänden. Ich glaube, es ist hilfreich, das ein paar Mal im Top mit etwas Schlappseil auszuprobieren. Dann ist es wahrscheinlicher, dass der Körper das intuitiv abspeichert.

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