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Steve McClure über die Angst beim Klettern

Stefanie | 28. April 2019
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Die Angst beim Klettern ist ein Thema, das wahrscheinlich die meisten von uns beschäftigt.

Reibungsklettern bei la pedriza
Reibungskletterei bei La Pedriza, Spanien. Auch im Toprope ist bei mir der Angstschweiß ausgebrochen, vor allem in den recht steilen Einstiegen. Da habe ich mehrere Anläufe gebraucht, bis endlich mal die Füße gehalten haben.

Die Angst beim Klettern kann bei jedem anders ausfallen. Was einem Kletterer Angst macht, ist für dich vielleicht kein Problem und umgekehrt.

Was hilft gegen die Angst beim Klettern?

Wie bei vielen Dingen denke ich, dass es nicht die eine richtige Lösung gibt. Was für jemanden funktioniert, bringt mir vielleicht nicht so viel.

Sturztraining ist sicher ein wichtiges Element. Genauso wie viel zu klettern, um die Bewegungsabläufe abzuspeichern und besser abrufen zu können.

Für mich gehören auf jeden Fall auch ein ausgeprägtes Körpergefühl und die wirksame Atmung dazu:

Yoga ist für mich die wirksamste Möglichkeit, um diese Punkte permanent zu schulen.

Aber es gibt ja noch viel mehr Punkte und Methoden, mit der Angst beim Klettern umzugehen. Eine gezielte Saison-Vorbereitung von mehreren Tagen am Stück zu klettern mit verschiedenen Techniken hilft zum Beispiel, den Prozess zu beschleunigen.

Kris von Costa Vertical, mit der wir kürzlich unser Kletter-Yoga-Retreat in Sella veranstaltet haben, meinte zum Thema Angst: "Steve McClure, einer der besten britischen Kletterer, hält morgen in der Nähe im Orange House einen Vortrag. Warum laden wir ihn mal nicht zu uns ein und fragen ihn, wie er mit der Angst beim Klettern umgeht?"

Yoga am Morgen in Sella
Morgen-Yoga bei unserem Retreat. Noch ist es kalt, zum Klettern war es dann perfekt. Mit Yoga in den Tag zu starten kann eine erstaunliche Wirkung auf deinen mentalen Zustand und auf deine Geschmeidigkeit beim Klettern haben.

Gesagt, getan.

Zwei Tage nach dem Vortrag tauchte Steve bei unserer Gruppe auf und wir hatten ein inspirierendes Gespräch mit vielen "Aha!"-Momenten.

Mit dieser Zusammenfassung will ich dir ein paar Punkte an die Hand geben, die auch dir helfen können, deine Angst beim Klettern greifbarer zu machen und damit vielleicht zu reduzieren.

Erste Frage an Steve:

"Du kletterst 9b. Ist Angst überhaupt noch ein Thema für dich?"

Kletterer in oberen Schwierigkeitsgraden scheinen ja irgendwas anders zu machen.

Steve erzählt: "Früher war ich bei der Crux oft unsicher, ob der Knoten auch wirklich zu ist und habe noch mal schnell nachgeschaut. Die Energie habe ich aber für den Zug gebraucht. Das war reine Verschwendung. Ich habe dann gelernt, zwischen der rationalen und irrationalen Angst zu unterscheiden."

Was genau bringt diese Unterscheidung?

Die rationale und irrationale Angst beim Klettern

Wenn du zwischen der rationalen und irrationalen Angst unterscheidest, kannst du die Angst konkreter einordnen und interpretieren.
Das ist ein hilfreicher und wichtiger Schritt, weil die Angst ja durchaus berechtigt sein kann.

Die rationale Angst

Zur rationalen Angst gehören die Angst, dass der Knoten nicht gut sitzt, dass das Material den Sturz nicht hält, dass der Partner schlecht sichert, oder ein ungutes Gefühl wegen einem möglicherweise langen oder unschönen Sturz.

Die irrationale Angst

Das wilde Gedankenkarussell und die Blockaden, die dann einsetzen, sind Teil der irrationalen Angst. Oder anders gesagt: Wenn du die berechtigten Faktoren für die rationale Angst sicherstellst, ist die Angst irrational.

"Daher ist der Schlüssel, um die irrationale Angst in den Griff zu bekommen, die rationale Angst von vornherein zu minimieren", betont Steve.


Minimiere die rationale Angst beim Klettern

Bevor du loskletterst, mach dir Folgendes klar:

Wenn das Material und die Absicherung in Ordnung sind und du richtig gesichert wirst, kann beim Klettern fast nichts passieren, außer dass du dir beim Sturz wehtust. (z.B. Knie anhauen)

"Beim Bouldern sieht das ganz anders aus", sagt Steve.

"Beim Bouldern ist die Wahrscheinlichkeit, dass du dir stärkere Verletzungen zuziehst, deutlich höher. Du kannst seltsam fallen und dir zum Beispiel eine Verstauchung zuziehen. Eigentlich müsstest du beim Bouldern viel mehr Angst haben", unterstreicht er.

Interessant. So hatte ich das noch nie betrachtet.

Check dein Material und mit wem du kletterst

"Der erste wichtige Punkt für mehr Gewissheit und Sicherheit: Kletter mit einwandfreiem Material, dem du vertraust. Und achte auch darauf, dass du deinem Sicherungspartner voll vertrauen kannst."

Frage dich zum Beispiel:

Im Zweifel abbrechen

Steve erzählt von einem Erlebnis am Fels mit einem Freund, der einen weniger erfahrenen Kletterer dabei hatte.

Eigentlich sollte der Freund Steve bei einem Projekt sichern, musste aber plötzlich aufbrechen. Der andere Kletterer meinte, er könne Steve ja auch sichern. Steve war erst etwas zögerlich, weil er noch nie mit dem Kletterer geklettert ist, sagte dann aber zu, weil er unbedingt an dem Projekt arbeiten wollte.

Dann sah er, wie der andere Kletterer das Seil falsch ins Gri-Gri gelegt hatte und machte ihn darauf aufmerksam.

Anstatt sich an den Kopf zu langen, dass er unaufmerksam war und nicht versteht, wie ihm das passieren konnte, meinte der Kletterer nur „ach so, ja, so geht’s auch, habe ich mir nie groß überlegt.“

Noch Fragen???!!!

"Mit der Bemerkung hat er mein Vertrauen nicht gerade erhöht", sagt Steve. "Ich bin losgeklettert und habe gemerkt, dass ich mich nicht nicht konzentrieren kann. Wenn er schon am Anfang diesen Fehler gemacht hat und ihn nicht mal wirklich eingesehen hat, wie sollte er mich dann bei einem Sturz sichern?"

Darauf hat er das Ganze abgebrochen.

Die Lektion:

Unterschätze nicht den Selbst- und Partnercheck.

Wenn du sicherst, dann prüfe die Punkte in umgekehrter Reihenfolge.

Schwierigkeiten vorwegnehmen

Ein weiterer Punkt für mehr Gewissheit ist der Routencheck, soweit möglich.

"Checkt vorher die Hakenabstände, den Verlauf der Route und wo ein Sturz eventuell schwierig werden könnte. Du willst, dass dein Sicherungspartner an der Stelle vorbereitet ist und sich nicht gerade gemütlich mit jemandem unterhält", sagt Steve.

Yoga-Haltung "Krieger II" zur mentalen Vorbereitung aufs Klettern. Im Hintergrund schöne Sicht auf Felswand.
Nicht nur mobilisieren, sondern auch stärkende Körperhaltungen können vor dem Klettern sehr wirkungsvoll sein. 5 oder besser 10 langsame Atemzüge wie hier im Krieger II helfen dir, dich zu fokussieren und deinem Gehirn Stärke und Entschlossenheit zu signalisieren.

Die Punkte machen alle Sinn, denke ich. Aber die irrationale Angst lässt mich noch nicht los.

"Und wenn doch das Gedankenkarussell kommt?

Was ist, wenn ich gerade geklippt habe, meine Unterarme sind dicht und der nächste Haken ist irre weit weg?" will ich wissen. "Dann springt bei mir doch der Kopf an."

"Das hört sich nach einem langen Sturz an, kann also ein höheres Risiko bedeuten. Das ist für mich dann die rationale Angst, keine irrationale", sagt Steve.

"Um noch einmal bei der irrationalen Angst zu bleiben: Nimm das Problem auseinander wie ein Ingenieur. Bleib mit dem Fokus auf dem Analysieren." Hilfreiche Fragen können sein:

Klettern am Fels mit Büschen und Holz
Linda in "Sucio hombre viejo". Am Anfang ist die Route sehr kleingriffig, später pumpig. Eine Analyse und ein feines Körpergefühl sind für den Start sehr hilfreich, um die Nerven für den späteren ausdauernden Teil zu behalten.

Bewusst stürzen?

Kris fragt: "Steve, viele Kletterer rufen schnell "zu!" und stürzen gar nicht. Wie siehst du das? Zu rufen oder sich ins Seil fallen lassen?"

Auch hier hat Steve einen interessanten Gedanken.

"Wenn du gerade am Haken bist und du weißt, du wirst zu 99% fallen, wenn du jetzt weiter kletterst, dann ruf lieber "zu!". Das mache ich auch. Nicht aus Angst, sondern aus Effizienzgründen. Sonst brauche ich Kraft, um wieder hochzuklettern oder mich hochzuziehen. Das spare ich mir lieber."

Das hört sich vernünftig an, bis Steve weiterspricht:

"Wenn du zu 90% denkst, du kannst nicht mehr weiterklettern, ... geh weiter!"

Bitte?!

Ein Pessimist scheint er wirklich nicht zu sein.

"10% sind viel!" sagt Steve eindringlich, als er unsere skeptischen Blicke sieht.

"Es lohnt sich! Vielleicht ist es nur dieser eine Schritt, der gerade schwierig ist und der nächste wird leichter. Atme und vielleicht bekommst du die Kurve. Probiere es auf jeden Fall aus, sonst wäre es echt schade!"

Zum Fallen und Sturztraining sagt er noch: "Ich glaube, es ist viel schwieriger, beim Sturztraining einen guten Griff loszulassen. Am besten analysierst du das Problem, gehst an die Grenze und fällst, weil du gar nicht anders kannst! Mach das Stürzen zu einem normalen Bestandteil beim schwierigen Klettern."

"Und wenn die Angst beim Klettern doch groß ist?"

Abschließend bringt Steve zum Thema Angst noch einen guten Punkt:

"Was ist stärker? Deine Angst oder deine Motivation?"

Bevor du loskletterst, frage dich:

Steve betont: "Du bist hier, weil es eine Herausforderung ist! Du weißt von vornherein, dass es anstrengend ist. Und wenn deine Motivation dich nicht überzeugt, dann lass es. Klettere diese Route nicht."

Klettern an der Costa Blanca, Sicht auf das Meer.
Erster Klettertag bei unserem Retreat im Sektor Echo Valley. Die Sicht ist fantastisch. Ein besonderer Kletterort ist für mich kein Vergleich zum Klettern in der Halle - definitiv ein Faktor für die Motivation, an so einem besonderen Ort an die eigene Grenze zu gehen.

Fazit

Steve hat mehrere Punkte angesprochen, die ich mir nie so genau überlegt hatte.

Der größte Punkt, nämlich die Unterscheidung in rationale und irrationale Angst beim Klettern und dann die Minimierung der rationalen Angst macht Sinn. Die Punkte Material-, Selbst- und Partnercheck kommen manchmal vielleicht doch zu kurz, sind aber äußerst wichtig.

Was mich bei seinen Gedanken am meisten angesprochen hat, war der Punkt mit "Keine halben Sachen. Entscheide dich und kletter mit vollem Herzen oder lass es sein."

Zur irrationalen Angst denke ich, dass hilfreich ist, konstant das Unangenehme zu trainieren und eine Gewohnheit daraus zu machen. Das Gehirn gewöhnt sich daran. Mir hat der Gedanke "ich kann nicht mehr, aber ich mache noch einen Zug" sehr geholfen.

Was denkst du zur rationalen und irrationalen Angst? Wie gehst du mit der Angst beim Klettern um?

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